Freizeit

26. Januar: Bunkazai Bōka

Richtig zündeln will gelernt sein. Wie man es sein lässt auch

Probleme, die die Welt nicht braucht

Jeder kennt das, man muss niesen, kramt mit den Händen verzweifelt nach einem Taschentuch – zu spät. Die kribbelnde Nase hat sich bereits mit einer gewaltigen Explosion entladen. Schnell noch einmal abgewischt, bevor jemand guckt – doch was ist das? Statt eines Taschentuchs hat man versehentlich einen Fetzten aus einem Werk von Vincent van Goch in der Hand, den man während des Niesens panikartig aus dem Gemälde gerissen hat. Hoppla.

Oder man nimmt sich ein bisschen Arbeit mit nach Hause, flaniert mit dem Roller die alte Straße entlang, die immer noch mit antikem Kopfsteinpflaster gepflastert ist. Vorbei an wunderschönen Villen aus der Gründerzeit, Jugendstil-Straßenlaternen hinter sich lassend und auch das ausgestopfte Mammut grüßend, das in der denkmalgeschützten Markthalle ausgestellt wird. Da flattert einem ein kleiner Schmetterling ins Gesicht. Der Roller überschlägt sich, man landet mit dem Gesicht auf dem Kopfsteinpflaster und die Gallone Nitroglyzerin, die man aus der Firma mitgenommen hatte, saust in hohem Bogen über einen hinweg, sich ebenfalls in Richtung Boden bewegend. Ups.

Oder man hat einfach vergessen den Wasserhahn auszudrehen, wohnt aber über dem Kölner Stadtarchiv und kommt erst in einigen Wochen, nach einer ausgedehnten Expedition zu den Galapagosinseln, bei der es zu erkunden gilt ob die darwinistische Evolutionstheorie heute überhaupt noch haltbar ist zurück. Au Backe.

Kommerzielle Mitläufer

Solche kleineren Peinlichkeiten können jederzeit passieren, gelten in der Gesellschaft aber als schwerer Fauxpas. Versicherungen leben davon. Chaostheoretiker schreiben darüber. Große Konzerne verklagen einen wegen des Imageschadens. Auch Adolf Freiherr von Knigge hat erfolglos versucht diese Fehltritte in geordnete Bahnen zu lenken. Geändert hat das alles nichts.

Die Lösung: Der Bunkazai Bōka

In Japan gehören solche Angelegenheiten seit 1955 der Vergangenheit an. Seit dem gibt es nämlich an jedem 26. Januar den Bunkazai Bōka. Dieser wurde vom Komitee zum Schutz von Kulturgütern eingeführt, nachdem irgend so ein alter Schuppen voller Dachpappe abgefackelt war. Übersetzt heißt Bunkazai Bōka so viel wie: »Tag des Brandschutzes für Kulturgüter«. Eine alles in allem, phänomenale und vor allem preisgünstige Erfindung. Mit so einem Tag ist man gegen jegliche Auswirkung von Erdbeben, Feuersbrünsten, Heuschreckenschwärmen, Phishing-Mails, Überschwemmungen und marodierenden Banden gefeit. Spätestens am Bunkazai Bōka werden all diese Kulturfeinde, Katastrophen und Aggressoren ein schlechtes Gewissen bekommen, den entstanden Schaden wieder gut machen und sich entschuldigen. Der deutsche Tag des Rauchmelders ist kein äquivalenter Ersatz für den Bunkazai Bōka, ja das Konzept dieses Tages wird von den meisten Deutschen überhaupt nicht verstanden (zumindest was die CDU betrifft). Daher ist es schade, dass Deutschland wieder einmal nicht mitzieht und den Bunkazai Bōka gesetzlich verankert. Vielleicht ja nächstes Jahr.

Benjamin Baeder

Benjamin Bäder ist dem Chaos nicht gänzlich abgeneigt, doch hofft er auch stets auf die autopoietische Selbstorganisation von Kommunikationssystemen, die dann eigenständig entscheiden können ob sie befremdlich, humorvoll oder was auch immer sein möchten.

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Veröffentlicht von
Benjamin Baeder
Schlagwörter: FeuerKalenderKatastrophe

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