Gesundheit

Fitnesswahn: Sport ist das neue Saufen

Der Fitnesswahn dreht eine Ehrenrunde. Früher war die liebste Tätigkeit aller Sportsfreunde das Saufen, heute das Radeln und Co. Seit wann ist McFit billiger als die Kneipe?

Da laufen sie wieder, die Turnbeutelträger. Schaut sie euch an, wie sie schnaufend durch den Wald trampeln. Der Fitnesswahn hat sie gepackt! Sicherlich schwadronieren sie von einem ominösen Fitnessplan, doch wir haben das Theater durchschaut. Während die Veteranen noch wissen, wie man den Alltag optimal bewältigt, neigt das junge fehlgeleitete Pack heutzutage zur ewigen Selbstoptimierung. Sie posieren beim Vorbeigehen vor Schaufenstern oder machen direkt ein Selfie im Badezimmer. Von einem Körperkult kann schon lange keine Rede mehr sein, denn die wahren kultigen Dinge waren immer Geheimtipps. Im Gegenteil – es ist eine Massenbewegung, die furchtbare Angst vor dem Tod hat. Deshalb laufen sie, was das Zeug hält. Lasst euch gesagt sein, ihr Bio-Knilche und McFit-Sklaven: euer Fitnesswahn wird Wein, Weib und Gesang nie vom Siegertreppchen stoßen.

Fitnesswahn – Alles für das Spiegelbild

Natürlich sind die Medien schuld. Überall vorherrschende Oberflächlichkeit; sei es auf den Bildschirmen oder auf VIP-Fotos. Jeder will das Sixpack von Wolverine oder eine Bikini Bridge – aber natürlich nicht gleichzeitig. Für das Ziel ist Leiden im großen Stil angesagt, zum Beispiel in finanzieller Hinsicht. Neben den Besuchen im Fitnessstudio will ja auch der eine oder andere Skiurlaub und eine Kajaktour bezahlt werden. Die körperlichen Beschwerden kommen auch nicht zu kurz, auch wenn diese meist schön geplaudert werden. Statt einem Traumbody gibt es Zerrungen, Gipsbeine und Impotenz.

Es hat sich ein Irrglaube in der jungen Bevölkerung breit gemacht. Man konnte noch nie Sorgen und Leid einfach wegjoggen. Auch konnte man nie Respekt und Akzeptanz gewinnen, wenn man besonders viel und ausdauernd radelt – es sei denn, man hat Ahnung von Doping. Der ewige Wunsch nach Liebe und Anerkennung hat bei der Generation Y einen Nerv getroffen. Statt sich über Reichtum und intellektuelle Errungenschaften zu definieren, lässt man heute die Muskeln spielen. Wozu ein Buch lesen, wenn man doch pumpen kann.

Muskeln statt Mut

Die Angst vor dem Altern treibt an. Mit dem Tod im Nacken trainiert es sich gleich viel effektiver. Außerdem sieht man Erfolge direkt im Spiegel und muss sich nicht so lange mit Untrainierten herumplagen: Du hast eine Wampe? Loser! Ich sehe geil aus! Du siehst nicht einmal Deine Füße! Auch wenn Du eventuell doppelt so viel Selbstbewusstein hast wie ich.
Die sportlichen Mitmenschen feiern ihre neue Religion – die Selbstoptimierung. Sie pimpen sich zur Version 2.0 und versuchen auf diese Art und Weise nahezu unantastbar für Kritiker zu sein. Denn sie leben gesund, sie tun was für ihren Körper, sie gehen wählen, sie haben eine Rechtsschutzversicherung, sie gehen nicht bei Rot über die Straße, sie finden die Bild-Zeitung doof, sie haben viele identische Freunde, mögen Breaking Bad und müssen kichern, wenn sie einen Song aus den 90ern hören.

Was lobe ich mir die alten Tage, in denen Saufen den tristen Alltag aufwertete. Keiner redete von einem Stadtmarathon oder einer Wok-WM; wenn einer ein Sixpack ansprach, war in der Regel Bier gemeint. Wir »Sportsfreunde« wussten noch, dass die einzig nennenswerte Wahrheit am Boden eines Glases Alkohols verborgen lag. Zudem gab es keine Angst vor dem Älterwerden oder gar dem Tod. Im Gegenteil! Wir beschleunigten den Vorgang, weil bereits früher vollkommen klar war, dass sich am Ende das ganze Affentheater eh nicht lohnt. Wozu all der Fitnesswahn? Für Schläuche, Tabletten und Mini-Renten?

Weiter frage ich mich: Sind Körper und Geist wirklich eins? Sollten es am Ende doch Gegenspieler sein, so ahne ich bereits, wer denn als Sieger aus dieser Partie geht. Natürlich die Spirituosen.


photo: Enjoying An Underwater Beer by Joe Shlabotnik, CC 2.0

Oliver Peters

Notorischer Schwarzmaler und Weltmeister im »Böse gucken«. Geboren am Niederrhein, verdorben durch den Rest der Welt. Mag Pandas, verabscheut Pendeln. Kontakt: Facebook, Twitter oder Email.

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Veröffentlicht von
Oliver Peters
Schlagwörter: Alkohol

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