Der Mangel an Gestik, Mimik und Rhetorik verzerrt das Bild der Realität. Eine Facebook-Depression ist mittlerweile das gängigste Krankheitsbild unter Online-Stalkern.
Du loggst Dich bei Facebook ein und scrollst die Chronik durch. Deine Freunde scheinen dauerbeschäftigt zu sein und ein aufregendes Leben zu führen – nebenbei finden sie sogar die Zeit, einen Großteil ihrer Erlebnisse hochzuladen. Ganze Fotoalben vollgestopft mit Urlaubseindrücken, niedlichen Schnappschüssen ihrer Haustiere und stolzen Momenten des Nachwuchses. Wow! Dazu garnieren sie ihren geteilten endgeilen Alltag mit lauter aberwitzigen Momenten, wie beispielsweise deren letztes Halloween-Kostüm als „Human Centipede«. Du dagegen sitzt im abgedunkelten stillen Kämmerlein und bist nicht auf Malle. Du hast auch keine Windeln zum Container zu bringen oder irgendwelche Katzenkotze wegzuwischen. Stattdessen bist Du allein mit Facebook. Das ist der Beginn Deiner ganz persönlichen Facebook-Depression.
Je länger eine Person aktiv Facebook nutzt, desto eher treten Neid, Unzufriedenheit und rote Augen in Erscheinung. Laut einer Studie erliegen wir einem eindeutigen »Attributionsfehler«. Das bedeutet, dass unsere Wahrnehmung ein beschränktes Bild der Realität zeichnet. Nutzer von Facebook sehen dauergrinsende Menschen vor Palmen und dem Eiffelturm, während andere bis zum Umfallen auf irgendwelchen Feiern posieren. Dies als die reine Wahrheit anzusehen ist ein schnell unterlaufener Fehler; denn natürlich entstanden diese später geteilten Fotos in arg gestellten Momenten und wurden gewissenhaft ausgesucht. Niemand würde freiwillig ein Bild von sich bei Facebook, auf dem er seinen Kopf in die Toilette hält.
Diese Fehlannahme löst beim Betrachter Unbehagen aus, frei nach dem Motto: Warum sind die alle so happy und ich nicht? Was mache ich falsch und warum lade ich immer nur Bilder von meinem Mittagessen hoch? Der Neid auf die gestellte Glückseligkeit der anderen ist der Treibstoff einer ausgewachsenen Facebook-Depression. Ironischerweise denken viele bei der Nutzung einer sozialen Plattform zuerst an die eigenen Belange und dem inszenierten Auftritt – doch werten Erfolge aus ihrem Umfeld oft negativ. Natürlich klicken erfahrene Facebook-Nutzer zähneknirschend selbst bei schlimmster Eifersucht stets auf den Gefällt-mir-Button.
Interessant ist, dass insbesondere befreundete Kontakte, denen man nicht regelmäßig im Alltag begegnet, größere Aggressionen auslösen. Die Erklärung liegt auf der Hand; sollte man sich täglich beim Bierkauf an der Discounterkasse treffen, wirken die gestrigen Urlaubsbilder vor der untergehenden Sonne in Lanzarote nur noch halb so beeindruckend.
Eine Facebook-Depression macht sich auch bei Zeitgenossen bemerkbar, die nicht das stärkte Selbstbewusstsein an den Tag legen. Die ohnehin schon arg Eingeschüchterten trauen sich am Ende gar nicht mehr, sich einzuloggen. Schließlich könnte ja wieder die nächste Hochzeit angekündigt werden. Ein Betroffener sieht die Welt durch die Augen diese Chronik – ein extrem unrealistisches Bild voller Feel-Good-Momente, in denen kein Platz für die bitterböse Realität ist. Oder hat schon einmal jemand seine Steuererklärung oder Scheidung gepostet?
Diese neue Form der Depression entsteht auch zum Teil unser heutigen Einstellung zum Erfolg. Erfolg haben all jene, die aktiv sind und Leistung erbringen. Einfach nur herumsitzen und das Mausrad betätigen ist nicht unbedingt das, was man sich darunter vorstellt. Stattdessen muss geprotzt und dargestellt werden. Wer nichts beizutragen hat, verliert. Und wer seinen Eisbecher fotografiert, wirkt verzweifelt.
Offline war es immer leichter, der »besseren« Konkurrenz aus dem Weg zu gehen. Hat man selbst keine Muskeln, sondern eher eine genährte Wampe, so meidet man das Fitness-Studio. Die reine Präsenz der Muskelpakete würde sonst die gute Stimmung drücken. Stattdessen gesellt man sich zu den Personen, die in ein- und derselben Liga spielen. Dumm nur, dass bei Facebook diese Ausweichmanöver nicht funktionieren. Es sei denn, man hat nur eine Handvoll Kontakte, wie zum Beispiel nur die eigene Mutti. Gerade Männer leiden unter diesem virtuellen Penisvergleich, während Frauen sich für sowas zu schade sind und lieber Preise bei Zalando vergleichen.
Die fehlende Mimik, Gestik und auch Rhetorik vermitteln Geschädigten Facebook-Depression ein falsches Bild ihres digitalen Freundeskreises. Denn so geil, wie deren Chronik offenbart, kann niemand sein. Psychologische Studien, die sich mit der Thematik befassen, schlagen vor, regelmäßig Sprüche zu posten, um sich nicht mehr ausgeschlossen oder gar einsam zu fühlen. Natürlich funktioniert das auch mit dem gegenwärtigen Lieblingslied, nur um etwas Aufmerksamkeit und Bestätigung zu erhalten. Doch was ist, wenn alle Deine Musik scheiße finden?
Hier ein paar Hinweise, mit denen Du einer depressiven Phase bei der Facebook-Nutzung entgehen kannst:
photo: hacking by Johan Viirok, CC 2.0
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