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Die unglaubliche Filterblase von Ennepetal Eine fiktive Geschichte über die Isolation von Informationen und Thunfischbrötchen

Beitragsbild: Die unglaubliche Filterblase von Ennepetal

In Ennepetal ist mächtig was los. Eine kleine Geschichte über die Möglichkeiten einer Filterblase und wie sie unsere Wahrnehmungen beeinflussen kann.

Der Stein kam an einem kühleren Herbstnachmittag oder eben Mittwoch ins Rollen. Herr Schwalbe betrat hastig die Bäckerei Scholte, murmelte irgendetwas in seinen Bart und ließ seinen Blick über die ausgelegten Backwaren wandern. Die Angestellte der Bäckerei, Frau Hummel, erwiderte den Gruß nicht, weil sie sich nicht sicher war, ob Herr Schwalbe »Hallo« oder »Spacko« gesagt hatte.

Es bildete sich langsam eine Warteschlange, weil Herr Schwalbe sich nicht zwischen Mohn- und Roggenbrötchen entscheiden konnte. Zum Glück hat Frau Hummel bedingt durch ihren Nebenjobs als Chow-Chow-Patin eine Engelsgeduld und unterstützte Herrn Schwalbe nach allen Kräften, indem sie die dazugehörigen Zutatenlisten vortrug. »Ich glaube, ich nehme doch ein Mettbrötchen!« rief Herr Schwalbe begeistert aus; hinter ihm hörte man einen Raunen der Erleichterung. Frau Hummel setzte ihr typisch erzwungenes Mettbrötchen-Lächeln auf, welches sie manchmal vor dem Spiegel übt. Ihr Chef hatte sie kurz nach der Einstellung darauf hingewiesen, dass man nicht angewidert Brötchen mit Mett und Zwiebeln verkauft, sondern dabei strahlt wie der Sonnenschein. Frau Hummel ist Pescetarierin und würde lieber Thunfischbrötchen verkaufen.

UFOs über der Dorfstraße

Als Herr Schwalbe die Tüte mit dem Brötchen entgegennahm, wirkte er schon deutlich gelassener. Er strahlte trotz seines roten alkoholbedingten Teints eine gewisse Erleichterung aus und bedankte sich bei Frau Hummel. In einem anderen Leben hätten die beiden möglicherweise just in diesem Moment eine Romanze begonnen. Stattdessen fragte Herr Schwalbe: »Haben Sie gehört? Es wurde ein UFO über der Dorfstraße gesichtet. Hier umme Ecke«. Frau Hummel wagte einen Blick aus dem Fenster, womöglich hätte sie den Aliens winken können. Stattdessen blickte sie nur in leicht erzürnte Gesichter wartender Kunden. »Über der Dorfstraße?« fragte sie zur Sicherheit noch einmal nach. »Sag ich doch! Dorfstraße. Das Dingen war ungefähr halb so groß wie ihre Bäckerei und soll ziemlich viel Lärm verursacht haben.« »Aber wieso denn ausgerechnet hier in Ennepetal?« »Weiß ich doch nicht. Tschüss!« Herr Schwalbe verabschiedete sich schroff und stürzte aus der Eingangstür. Frau Hummel war maximal enttäuscht, da sie keine Einzelheiten erfuhr. Im selben Augenblick baute sich Herr Flitzenmeyer vor ihr auf und schüttelte mit grimmiger Mine seinen unförmigen Kopf. »Kann ich bitte ein Hörnchen haben?« fragte er mit giftigem Unterton. »Haben Sie das mitbekommen? Das UFO über der Dorfstraße? Wohnt da nicht ihre Tante?« fragte Frau Hummel, während sie leicht abwesend zum Korb mit dem Hörnchen ging. »Nein, da liegen Sie falsch. Ich habe keine Tante. Nur einen umoperierten Neffen.« »Ach ja. Macht dann 80 Cent«.

Wunderschöne Gardinen

In der ungemütlichen Warteschlange stand auch Frau Hannenwall, die das Gespräch neugierig mitverfolgte. »Aber der wohnt doch an der Dorfstaße, oder? Der hat so extravagante Gardinen« sagte sie. Herr Flitzenmeyer drehte sich mit lautem Schnaufen um und erwiderte wie auswendig gelernt »Extravagante Gardinen machen ihn noch lange nicht zum Außerirdischen!« Die Bäckereiverkäuferin Frau Hummel blickte erstaunt auf. »Vielleicht hat Ihr umoperierter Neffe ja Begrüßungstapeten für die Aliens« sagte sie und ließ vor Aufregung das Hörnchen fallen. »Also ich glaube ja schon daran, dass wir nicht alleine sind. Wir Menschen halten uns ja eh für die Krönung der Schöpfung« belehrte Frau Hannenwall die Runde. Diverse Stimmen aus der Warteschlange mischten sich ins Gespräch ein. Es wurde innerhalb weniger Sekunden ein Stimmenwirrwarr laut, bei dem auch das übliche »Wer bekommt als nächstes?« der leicht überforderten Frau Hummel nicht mehr half. Herr Flitzenmeyer wurde im Zuge der Massenhysterie noch einmal richtig ungehobelt: »Herrgottnochmal! Es gibt keine Aliens über der Dorfstraße! Sonst hätte ich die doch beim letzten Besuch bei meinem umoperierten Neffen bemerkt«.

Frau Hannenwall erschrak aufgrund der lauten Ansage und begann, in ihrem Jutebeutel zu kramen. »Na warten Sie. Ich habe da was …« Sie zückte eine Illustration eines unidentifizierbaren Flugobjektes, welche zu allem Überfluss auch noch unfassbar schlecht angefertigt wurde. »Mumpitz. Das könnte auch aus einem Roland Emmerich Film sein« strafte Herr Flitzenmeyer das hässliche Werk ab. »Vielleicht sollten wir uns selbst ein Bild davon machen« schlug Frau Hummel vor, die eh schon seit langem von einem neuen Job in der Tierpension träumte. Frau Hannenwall hingegen rang noch mit Worten, um die Frechheit von Herrn Flitzenmeyer zu verdauen, doch brachte kein »Pimmelkopp« über die Lippen.

Keine kleine Brötchen backen

Die gesamte Warteschlange folgte Frau Hummel daraufhin zur Dorfstraße umme Ecke. Ob diese nun sehnsüchtig auf Brötchen oder Außerirdische hofften, kann zu diesem Zeitpunkt nicht eindeutig bestimmt werden. Jedenfalls war Frau Hummel gespannt wie ein Flitzebogen, ob sie denn tatsächlich intelligentes Leben von einem anderen Stern antreffen würde. Für die erste Kontaktaufnahme hatte sie vorsichtshalber ein paar leckere Thunfischbrötchen eingepackt – man weiß ja nie.

Herr Flitzenmeyer ist dem Mob gefolgt. Er behauptete zwar, dass er seinen umoperierten Neffen vor Gardinengaffern warnen wollte, aber Frau Hannenwall war sich sicher, dass er heimlich nur in der ersten Reihe stehen wollte. »Oh, die sind aber wirklich schön« sagte eine unbekannte Oma aus der Warteschlange, als die Dorfstraße erreicht wurde und zeigte auf lila-orange Gardinen mit Schnabeltieren, die in einem Fenster zu sehen waren. »Wir sind nicht wegen der Gardinen hier« sagte Frau Hummel selbstbewusst. Sie hatte ihre neue Rolle gefunden. Sie war keine Frau für Brötchen, sondern eine Anführerin. Diejenige, die als erste Erdenbewohnerin die Wahrheit erkannte und die neuen Freunde von Außerhalb begrüßen wird. Sie richtete ihren Blick in den Himmel und strengte sich an etwas zu erkennen. Währenddessen tropfte ihr vollgestopfte Thunfischbrötchentüte auf ihre Sneaker.

Alles Gute kommt von …

Auch Frau Hannenwall schaute nach oben. Ihr Mund öffnete sich leicht dabei, was sie nicht sonderlich intelligent wirken ließ. Dies bemerkte Herr Flitzenmeyer und meckerte »Also wenn Sie so glotzen, würde ich direkt wieder umdrehen«. Frau Hannenwall tat so, als hätte sie es nicht gehört. Wie damals in der Schule, als sie alle Bratpfannenarsch schimpften. Selbst in der Warteschlange bewegte sich was. Immer mehr der potentiellen Kunden starrten in die Luft und hofften auf ein baldiges Zeichen. Da nun niemand mehr auf Herrn Flitzenmeyer achtete, wagte nun auch dieser einen Blick nach oben. Es war sehr still geworden. In der Menge hörte man nur einen leisen Pups, der aber nur mäßig stank.

Es müssen einige Minuten vergangen sein, doch die gesamte Bäckerei Scholte stand immer noch da und schaute gen Himmel. Erwartungsvoll und geradezu wie hypnotisiert. Mehrere Passanten kamen vorbei und ließen sich von diesem ungeplanten Flashmob anstecken. Sie ließen ihre Fahrräder und sonstiges Gedöns links liegen und stellten sich dazu. Manch einer fragte leise, ob es endlich soweit wäre. Doch es blieb bei einem Selbstgespräch.

Die Donauwelle muss warten

Einige Tage später im gleichen Herbst, jedoch ein anderer Wochentag. Frau Hummel stand fröhlich hinter der Kasse der Bäckerei und bediente ein paar Schulkinder, die dringend eine Therapie beim Logopäden brauchen könnten. Auf einmal betrat ein unbekannter Mann das Geschäft und lächelte die Brötchenverkäuferin eindringlich an. »Ich suche die Dorfstraße, werte Frau. Und eine Donauwelle.« »Oh, sind Sie ein weiterer Tourist, der sich für unsere Sehenswürdigkeiten an der Dorfstraße interessiert? Da bin ich Ihre Frau!« »Lassen Sie das nicht meine Frau hören«, scherzte der Fremde und stelle sich Frau Hummel nackt vor. Sein Gesicht sprach Bände. »Hihi, Sie Schelm. Warten Sie, ich schiebe eben ein paar Brötchen in den Ofen und dann führe ich Sie zur Dorfstraße. Die Donauwelle muss warten.«

Gesagt, getan. An der Dorfstraße angekommen breitete Frau Hummel stolz ihre kurzen Arme aus und sagte feierlich »Hier sind wir. Es hat sich mittlerweile herumgesprochen. Sie müssen einfach nur genau hinsehen«. »Oh, ich sehe schon«, sagte der Unbekannte. »Das kann man auch gar nicht übersehen!«
Doch das hörte Frau Hummel gar nicht mehr, weil sie erneut Richtung Himmel starrte. Der Unbekannte hingegen zückte sein Handy, um diese unnatürlich schönen Gardinen abzulichten. »Abgefahren, diese Farben! Diese Eleganz der Schnabeltiere!« Er bedankte sich bei der verwurzelten Bäckereiverkäuferin und ging zurück zu seiner Frau nach Schwelm.


Letzte Bearbeitung war am 20.12.2016

1 Kommentare

  1. Silke sagt

    Soviel zum Thema, Anpassung in der Arbeitswelt! Witzig und sehr unterhaltsam!

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