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»Danke, Merkel!« und weitere sinnlose Kommentare

Wie siegessicher sich die verschmähten Couch-Politiker fühlen, wenn sie »Danke, Merkel« ironiefrei in den sozialen Medien posten. Eindeutig ein Schrei nach Liebe.

Gestern war nicht mein Tag. Nicht nur, dass ich meine Unterbuchse verkehrt herum anzog. Nein, ich stürzte versehentlich die Treppe hinunter, schickte dummerweise einer Ex eine Freundschaftsanfrage und schnitt mich ganz böse am Kopierpapier. Danke, Merkel! Natürlich hätte ich auch die Schuld bei mir selbst suchen können, aber aufgrund meiner blinden Wut musste ratzfatz ein Sündenbock her. Wer eignet sich da besser als unsere Bundeskanzlerin? Sie ist es ja gewohnt; täglich bedanken sich tausende übersehene Aushilfspolitiker bei ihr, ersparen sich und uns zeilenweise Hate-Speech, indem sie uninspiriert »Danke, Merkel« schreiben. Oft frage ich mich, ob ein paar besonders Clevere ihren Lieblingsspruch via Copy-Paste zwischenspeichern, um jederzeit und blitzschnell mitreden zu können.

Eigenverantwortung? Dann doch lieber Anderen die Schuld geben

Zum Glück macht konternde (und gelungenere) Ironie das Gebrabbel der Wutbürger erträglicher. Zum Beispiel die Facebook-Seite »Danke Merkel« perfektioniert genau das, was ich zu Beginn dieses Beitrags versuchte. Der Kanzlerin aus Prinzip die Schuld in die Schuhe schieben, egal wie absurd die Umstände sind. Leider halten diejenigen Personen, die Merkel für schuldig erklären, abseits von ihrem Lieblingssatz nicht so viel von Ironie oder gar Eigenverantwortung. Im Gegenteil: manche Spezialisten setzen noch einen drauf und lassen sich alternative Sprüche einfallen, welche bei akutem Frust gepaart mit Einfallslosigkeit auf die Menschheit losgelassen werden. Allen voran das Statement: »Es wird immer schlimmer«. Da frage ich mich: was genau wird schlimmer? Wahrscheinlich das Wetter. Oder manche Körperpartien, auf denen unerwünschte Haare wachsen. Die Orientierung nach ein paar Bieren. Irgendwas wird sich schon finden, irgendein Auslöser für das Debakel, welches man sich unter Umständen selbst eingebrockt hat.

Wie gehabt: Hausarrest und Taschengeldkürzung

Ein weiterer Klassiker der erzürnten Social-Media-Meute: »Früher war alles besser«. Natürlich war es das, als Mami und Papi einem mit schützender Hand sämtliche Entscheidungen abnahmen. Ob bei solchen Kommentaren allerdings auf die eigene Kindheit verwiesen wird, kann ich nur spekulieren. Vielleicht befindet sich dort auch der entscheidende Knackpunkt. Möglicherweise wird die amtierende Kanzlerin mit einer Art Volksmutti verwechselt, gegen deren Entscheidungen sich besagte Wutbürger auflehnen. Frei nach dem Motto: »Ich will das nicht essen! Sie, die stets präsente Mutterfigur, muss schuld an meinem Versagen und Problemen sein. Ohne ihr Einmischen hätte etwas aus mir werden können! Und nun? Sitze ich hier und muss dennoch meinen Teller aufessen. Klarer Fall: Merkel muss weg

Schrei nach Liebe

Sinnlos. Zum einen, weil die von den Schuldsuchern auserkorene Erziehungsberechtigte die Kommentare eh kaum ernst nehmen sollte. Zum anderen, weil es ursprünglich um Obama ging und er sogar ironisch konterte und damit ein populäres Meme anheizte. Ich bezweifle, dass unsere Kanzlerin sich in einem ihrer Podcasts dem Thema widmen wird oder sogar lustig kontern würde: »Bitte, gern geschehen«.

Schade eigentlich. Man stelle sich vor, sie würde verkünden: »Lieber Wutbürger! Tut mir leid, dass deine Pizza zu lange im Ofen war. Zum Glück hast du es früh genug bemerkt, sonst wäre womöglich deine ganze Bude abgebrannt. Früher war es besser, als deine echte Mama noch für dich die Zeit stoppte. Aber … wir schaffen das, oder?«

Photo credit: mw238 on Visualhunt.com / CC BY-SA

Beitragsbild: Hilfe! Meine Einkäufe sind mir peinlich

Hilfe! Meine Einkäufe sind mir peinlich

Sind die Einkäufe erst auf dem Band platziert, geht das Rätselraten los. Warum kauft der Typ vor mir so viele Bananen und warum interessiert es mich überhaupt?

Supermärkte müssen von Satan höchstpersönlich erfunden worden sein. Du könntest den besten Tag ever erleben, zehn Minuten im Konsumtempel genügen und dir wird schlagartig bewusst, warum du sonst ungern vor die Türe gehst. Bei mir kommt neben den üblichen Qualen wie Enge, unfreiwilliger Menschenkontakt und Geldschwund noch ein weiteres Problem hinzu: ich glaube, die Anderen begaffen meine Einkäufe. Schlimmer noch, sie inspizieren jede einzelne Ware im Einkaufswagen und werfen mir verächtliche Blicke zu. Man kann den Fieslingen ihre Vorurteile problemlos von der Mimik ablesen: »Eine Currywurst für die Mikrowelle. Fett UND faul, war ja klar«.

Zeig mir deine Einkäufe und ich sag dir, wer du bist

Noch schlimmer ist es direkt am Kassenband. Peinlich berührt breite ich sämtliche Produkte aus, die ich entweder konsumiere oder unverzichtbar für meinen Alltag halte – wie zum Beispiel ein mit Star Wars-Motiven bedrucktes 6-teiliges Frischhalteboxenset. Je länger die Warteschlange an der Supermarktkasse ist, desto mehr schäme ich mich für sämtliche Einkäufe. Vor und hinter mir haben zwar ebenfalls andere Kunden ihre Waren auf das Band geschmissen, aber die sind natürlich Bio oder wenigstens sehr teuer. Manchmal rette ich die Situation, indem ich laut sage: »Oh, das ist ja nur normale Milch. Das tausche ich mal eben schnell gegen gesunde Sojamilch aus, denn ich will ja keine Bauern ausbeuten, nicht wahr?«

Unangenehm ist es ebenfalls, wenn man mit zwei, drei Produkten zur Kasse geht und von anderen Kunden gefragt wird: »Ist das alles?« Meistens wollen sie mich aus Freundlichkeit vorlassen, aber an schlechten Tagen nehme ich persönlich. Als ob ich maximal gescheitert wäre, frei nach dem Motto »Ich war in Vegas und alles, was ich mitbrachte, ist dieses Shirt«. Dann keife ich zurück: »Lass mich! Kann nun mal nicht jeder so viel verdienen wie du, du … du!«

Am Kassenband lassen wir die Hosen fallen

Angriff ist ja bekanntlich die beste Verteidigung. Deshalb versuche ich seit geraumer Zeit den Spieß umzudrehen. Neulich lief ich im Supermarkt auf und ab und hatte ein paar von diesen gelben Klebezetteln dabei. Wenn mir der Inhalt eines gut gefüllten Einkaufswagen gut gefiel, so hinterließ ich ein schriftliches Lob: »Sie haben ein paar formschöne Gurken ausgewählt, gutes Augenmaß! Nur an den Reinigungsmittel müssen Sie noch arbeiten. Etwas umweltbelastend. Ansonsten weiter so!«

Am Kassenband glänzte ich letztlich mit Küchentischpsychologie vom Feinsten. Der Nerd vor mir kauft eine von diesen Taschentücherboxen? Ich weiß, was auf deinem Nachttisch steht, Bursche. Oder die Tussi, die krampfhaft versucht, das Toilettenpapier unter Milchprodukten zu verstecken? Auch du hast manchmal Flatulenzen, Baby! Was macht denn die kleine Flasche Korn zwischen all den Gemüse, lieber Anzugträger? Ich durchschaue euch alle. Ich, der Freud des Konsumverhaltens.

Photo credit: Skley on Visualhunt / CC BY-ND

Beitragsbild: Schlimme Berufe: Dixi-Klo-Manager

Schlimme Berufe: Dixi-Klo-Manager

Zugegeben: eine Berufsbezeichnung wie »Dixi-Klo-Manager« oder »Toi-Toi-Controller« gibt es nicht – noch nicht! Aber irgendwer muss sich ja darum kümmern, dass die mobilen Toilettenkabinen zur richtigen Zeit am richtigen Ort sind.

Wir schreiben das Jahr 1973. Der in Deutschland stationierte amerikanische Soldat Fred Edwards hatte die Nase voll von widerlichen Gerüchen und Flatulenzen während des Manövers und pochte auf eine gewisse Privatsphäre. Von seinen Kameraden spöttisch als »Heimscheißer« beschimpft, schloss sich Hobbybastler Edwards in seiner Garage ein, um die erste mobile Toilette zu kreieren. Er taufte das Gestell »Dixi« und der Rest ist Geschichte. Mittlerweile sind die drolligen blauen Toilettenkabinen zum festen Bestandteil jedes Festivals geworden. Alleine beim »Rock am Ring« sollen um die 800 stille Örtchen platziert sein, um zwischen harten Riffs und satten Beats kurz einen Quickie zu zelebrieren. Moment, Sex in Toilettenkabinen? Igitt. Soll es aber laut Express geben. Fast 10 Prozent sollen gegen ein Techtelmechtel auf dem Plastiklokus nichts einzuwenden haben. Manchen kann es scheinbar nicht schmutzig genug sein.

Keine Baustelle ohne Dixi

Jedenfalls male ich mir eine Vielzahl der Berufe, die mit mobilen Klos zusammenhängen, ziemlich furchtbar aus. Man stelle sich mal vor, man müsste anhand der gerade beschriebenen Situation zwei ineinander verkettete Fans der Antilopen Gang stören, weil die Kabine auffällig wackelt. Von der Reinigung und sonstigen Aufräumarbeiten (manche schmeißen Dixi und Toi Toi aus Jux und Dollerei in den Stadtgraben oder zünden sie an) einmal abgesehen. Wobei ganz so schlimm wie der Titel andeutet, ist es unter Umständen nicht. Mit dem Geschäft lässt sich mitunter eine goldene Nase verdienen, da kaum eine Baustelle ohne Dixi auskommt. In Zeiten des Immobilienbooms erzielt die dafür verantwortliche Ratinger Firma so hohe Gewinne, dass eine spezielle »Abführsteuer« in Zukunft nicht überraschen würde.

Warum nicht mal eine Kabinen-Fete?

Da fallen mir noch weitere miserable Tätigkeiten bezüglich der Kabinen ein. Es muss ja einen geben, der diejenigen aus der misslichen Lage befreit, die sich versehentlich selbst eingeschlossen haben. Oder die Kontrolleure, die alle WCs zählen müssen, da auch mal welche geklaut werden. Schade, dass nicht alle dem Beispiel des Vordenkers Fred Edwards folgen und ihre eigene Kabine mitbringen. Statt einer sogenannten »Silent-Disco« (Kopfhörer-Party) eine Art Kabinen-Fete, eine Dixi-Disse. Ein völlig neues Raumklang-Erlebnis, welches auf eine Pause verzichtet.

Photo credit: Weltbrei on Visual hunt / CC BY-NC-SA

Beitragsbild: Sag doch einfach »Schmetterling« statt »Scheiße«

Sag doch mal »Schmetterling« statt »Scheiße«

Fluchen ist nicht besonders sexy. Derbe Verbalattacken können demotivieren und verbreiten schlechte Stimmung. Warum also nicht bestimmte Wörter durch positive Umschreibungen ersetzen?

Meine Freundin und ich wollten den Hass aus unserem Leben streichen. Ständig das Gefluche über alles und jeden zerrte an unseren Nerven. Wenn ich zum Beispiel nachhaltig verstört aus der U-Bahn kroch, fluchte ich wie ein Rohrspatz. Arsch hier, Fuck da. Fallt um, ihr Opfer! Und sowieso stinken alle nach Pups??? Solche Aussagen drückten etwas die Stimmung. Hinzu kam, dass meine nicht zu überhörenden Aggressionen hoch ansteckend waren, sodass am Ende sogar meine bessere Hälfte über Belanglosigkeiten motzte. Ich fühlte mich schuldig, wenn ich sie dabei beobachtete, wie sie einem harmlosen Brötchen verbal zusetzte: »Du Dreckssemmel! Warum bist du scheißehart?!«

Nicht mal die Glücksbärchis konnten uns retten

So ging es nicht weiter. Diese allumfassende Wut musste aus unserem Alltag verschwinden. All die negativen Gedanken und giftigen Hassreden zogen uns in einen Strudel, in den wir zu ertrinken drohten. Ich nannte ihn den Treibsand des Grolls. Anhand unserer heimlichen Vorbilder, den Glücksbärchis, boten wir zeitweise dem Weltschmerz die Stirn und versuchten, unser Umfeld etwas positiver zu sehen. Leider kam uns die Realität dazwischen. Nachrichten, Rechnungen und eine sommerlochstopfende Datenschutzverordnung. Wir mussten uns eingestehen, dass die Welt unabänderlich miserabel und unser Einfluss quasi nicht existent ist.

Drum fassten wir uns den Entschluss, wenigstens unsere Sprache zu verändern. Negative Äußerungen sollten in positive verwandeln werden, um unsere Weltsicht auf lange Sicht hin zu verbessern. Wörter bzw. Sätze können schließlich die Welt verändern. Man denke da an »Ich bin ein Berliner«, »Die Rente ist sicher« oder »Hölle, Hölle, Hölle«. Ein derber Fluch wie »Fuck« wurden somit zu »Flausch«, »Arsch« zu »Augenweide« und das allgegenwärtige »Scheiße« zu »Schmetterling«.

Diese kleine Änderung war gewöhnungsbedürftig, aber zeigte enorme Wirkung. Unsere Gespräche hatten seitdem eine neue Qualität und selbst die schlimmsten Situationen im Alltag verloren nach und nach ihren Schrecken. Ein typischer Dialog sah dann so aus:

Wir haben nur Schmetterling im Kopf

Ich: Die Waffeleisenprinzen von der GEZ haben wieder geschrieben. Die wollen Geld.
Sie: Flausch! Die kleinen Purzelchen haben ja nur Flausen im Kopf.
Ich: Stimmt! Wie war die Arbeit heute?
Sie: Ganz schön Schmetterling!
Ich: Bei mir ebenfalls. Am liebsten würde ich die alle bauchpinseln!

Mehr Toleranz, mehr Verständnis, mehr Liebe. Es war einfacher, als wir uns dachten. Und wenn zum Beispiel ein Brötchen mal wieder zickt, dann rufen wir nur: »Ach, du heiliger Schmetterling! Du hast mir gerade noch gefehlt, du verflauschte Knutschkugelgeburt!«

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Beitragsbild: Wann kommt der erste DIY Mittelaltermarkt?

Wann kommt der erste DIY Mittelaltermarkt?

Abgesehen von kalten Wintertagen gibt es kaum ein Wochenende ohne Mittelaltermarkt. Doch sind Trinkhörner, Tierfelle und sonstigen Lieblingsartikel der LARP-Freunde schon längst Mainstream und somit irgendwie fade? Ein frisches Konzept wäre der DIY-Mittelaltermarkt.

Aus Prinzip schiebe ich für jeden absurden Trend Hollywood die Schuld in die Schuhe. Den Fitness-Studio-Wahn haben wir den muskelbepackten Superhelden-Verfilmungen zu verdanken und das Vermenschlichen von Tieren geht auf Disneys Kappe. Demzufolge mache ich die Fantasyreihe »Herr der Ringe« für das Phänomen Mittelaltermarkt verantwortlich. Trendbewusste Trödermärktler und Fressbudenbesitzer hatten seinerzeit den richtigen Riecher und setzten neben angesagten Produkten wie Fleischspieße und Trinkhörner auf Fellkleidung und Rauschebart. Dazu gesellen sich ein klopfender Schmied und eine dudelnde Mittelalterband samt Pauke und Elfenohren. Ein Spaß für die gesamte Familie! Die Kinder müssen nicht bekocht werden, aber streicheln dafür jede Menge Ziegen, während die Erziehungsberechtigten genüsslich eine Gallone Met schlürfen. Skål!

Folgt auf den Mittelaltermarkt der Jedi-Ritter-Markt?

Mittlerweile findet zwischen April und November an nahezu jedem Wochenende ein solcher Mittelaltermarkt statt. Meist in eher dörflicheren Gegenden, weil das Mittelerde-Feeling in Frankfurt am Main nicht so gut rüber kommt. Dafür braucht man eine Burg oder wenigstens eine alte Mauer, damit es wenig ein bisschen authentisch wirkt. Bislang habe ich schon viele dieser Märkte besucht und muss leider eine gewisse Eintönigkeit feststellen, die sich seit geraumer Zeit bemerkbar macht. Vielleicht liegt es an der Ablöse durch Star Wars, sodass der Fantasyhype etwas schwächelt. Zwar ist die Fangemeinde immer noch gigantisch, aber einen Fortschritt oder neue Ideen werden von mir schmerzlich vermisst. Da hilft es auch nicht, wenn Met neuerdings mit Chili oder vegan angeboten wird.

Das geht auf keine Kuhhaut

Aus diesem Grund kam ich auf revolutionäre Idee ein vollkommen neues Konzept für zukünftige Mittelaltermärkte vorzuschlagen. Man sollte einen Do-It-Yourself (DIY) Mittelaltermarkt veranstalten, ganz im Sinne der gegenwärtig romantisierten Handwerkskunst. Zu diesem Zweck wird statt fertiger Produkte schlicht und einfach eine Kuh vor jeder Bude bereitgestellt. Daraus kann die gesamte Familie all den Klamotten und Nahrungsmittel gewinnen, die sie sonst für die eine oder andere müde Mark den Händlern abgekauft hätten. Das gemeinschaftliche Erlebnis steht dabei im Vordergrund: Papi schlachtet für ein paar Spieße, Mutti näht ein paar Ledergürtel und die Jüngsten erfreuen sich am selbst ausgehöhltem Trinkhorn. »Echter« geht kaum. Natürlich könnte man zusätzlich ein paar Schafe und Bienen anbieten, damit nach dem arbeitsreichen Sonntag der süße Gaumenschmaus auf einem weichen Fell genossen werden kann. Kaum Plastikmüll und hysterische Tierschützer werden mit selbstgeschmiedeten Waffen niedergestreckt. Denn ihr wisst ja: Winter is coming.

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Beitragsbild: Abgespritzt im Word Wide Web

Abgespritzt im Word Wide Web

Seit dem es das Internet gibt spielt die Welt verrückt. Shitstorms und Cybermobbing sind an der Tagesordung. Private Pornofilmchen tauchen im Netz auf. So etwas gab es früher nicht. Warum es einfach mehr Spaß macht wenn jemand zuguckt, wird in diesem Artikel behandelt.

Ganz normale menschliche Neigungen

Jeder kennt das. Man ist unterwegs und plötzlich überwältigt einen das Bedürfnis nach einer leeren Blase. Da es Stunden dauern würde die heimische Toilette aufzusuchen, entschließt man sich ein öffentliches Pendent zu benutzen, ein sogenanntes Scheißhaus. Ganz egal ob im DM oder McDonald’s, in der Uni, im Büro oder das Dixi-Klo auf einem Festival, eines haben sie alle gemein, sie sind dreckig und man fürchtet eine Infektion, wenn man nur die Griffe der Türen berührt. Und noch etwas kann einem auf jedem Klosett der Welt zustoßen: blöde Sprüche, Schmierereien mit Edding, Telefonnummern, groteske Graffiti und zotige Bilder.

Der Preis der Anonymität

Warum gibt es auf öffentlichen Toiletten dieses ganze Gekritzel? Warum gab es daheim auf Muttis Toilette nie solche Schmierereien?

Das ist ganz einfach zu erklären. Mutti wusste genau wer ihr stilles Örtchen aufsuchte. Wer dort einen blöden Spruch mit Edding hin gekritzelt hätte, wäre sofort an den Ohren herbei gezogen worden und hätte eine Woche die Toilette schrubben müssen – mit einer Zahnbürste!

Bei öffentlichen Toiletten ist das anders. Keiner fühlt sich dafür verantwortlich. Wenn man dort einen blöden Spruch liest erkundigt man sich nicht, wer vor einem die Toilette benutzt hat und stellt die Person dann zur Rede, ob sie diesen Geistesblitz an die Tür manifestiert hat.

Das Word Wide Web

Im Internet ist das ähnlich. Wir kennen den Idioten nicht, der bei Youtube in Echtzeit einen Kommentar unter ein Video postet. Wir wissen nicht wer uns da gerade bei Twitter folgt. Auch die peinlichen Bilder bei Snapchat können wir keiner uns bekannten Person zuordnen. Scheiß drauf, wenn die Person uns kennen würde, würde sie uns wahrscheinlich gar nicht belästigen. Sie hofft jedoch, dass sie anonym ist und deshalb geht sie in die Vollen.

Das hat immense Vorteile: Auch wir können der Idiot sein, der über die Stränge schlägt. Im Internet kann jeder ein Held sein, ein Pornostar oder ein Kabarettist. Man ist in der Masse faktisch anonym und kann diese Freiheit voll ausschlachten. Extreme Kommentare, die man keinem Freund an den Kopf werfen würde, weil man sonst für alle Zeit unten durch wäre. Anrüchige Bilder, die nicht einmal dem Partner geteilt werden, weil sie viel zu peinlich sind. Memes, die sich keiner gehäkelt ins Wohnzimmer hängen würde, die aber gerade gut genug sind um die Reichweite im Web zu maximieren.

Wer darauf allerdings keinen Bock hat kann, sich immer noch ein Old-School-Buch schnappen und alle elektronischen Geräte auf Standby setzen. Das Internet zwingt ja keinen es vollzuschmieren, es bietet es einfach nur an.

Beitagsbild: Gewagte Rollenspiele, die nachhaltig verstören

Gewagte Rollenspiele, die nachhaltig verstören

Gibt es etwas Dooferes als erotische Rollenspiele? Die Szenarien »Arzt und Patientin« und »Chef und Sekretärin« scheinen niemals auszusterben – schade eigentlich.

Nehmen wir für einen kurzen Augenblick an, dass dein Liebesleben am Nullpunkt angekommen ist. Finito. Tote Hose im Schlafzimmer. Kein Bunga Bunga, sondern Barbie und Ken machen Urlaub auf dem Ponyhof. Was tust du? Zum Glück gibt es das Internet. Wie bei allen wichtigen Fragen des Alltags (siehe »Wie binde ich eine Krawatte« oder »Wie werde ich Bauchfett los«) muss die Suchmaschine auch bei intimen Themen die Antwort wissen. Tippe locker aus der Hüfte heraus die Worte ein: »Mehr Spaß am Sex«. Sei aber gewarnt: dort wirst du mit Sicherheit erfahren, dass du dich für deinen nächsten Orgasmus als Krankenschwester verkleiden musst – an einem öffentlichen Ort wie einer Bushaltestelle.

Die üblichen Tipps sind recht überschaubar: Vibrierende Spielzeuge, Fahrstühle, Dirty Talk und eben das erotische Rollenspiel. Besonders Letzteres amüsiert mich sehr. Ich stelle mir direkt einen misslungenen Dialog zwischen Lehrer und Schülerin vor, frei nach dem Motto: »Hefte raus, Klassenarbeit! Und warum liegt hier Stroh?« Wenn aber Rollenspiele im Schlafzimmer weiterhin als Rettung einer sterbenden Libido gehandelt werden, könnte man das Prozedere etwas interessanter gestalten. Auf die richtige Rolle kommt es an.

Für mehr Dialoge in Rollenspielen

Solltest du tatsächlich wie oben beschrieben Google bemüht haben, so wirst du die typischen Szenarien bereits kennen. Ahnungsloser Chef und die leicht irritierte Sekretärin bzw. Schwangerschaftsvertretung, der überforderte Arzt und die großzügige Privatkassenpatientin sowie Pretty Woman und Richard Gere. Besonders peinlich lesen sich die Tipps für den Erfolg: »Ein kurzes Röckchen reicht bereits als Verkleidung, natürlich tragen Sie dabei keine Unterwäsche. Er legt Sie übers Knie und gibt Ihnen leichte Schläge auf den Po« heißt es in einem Artikel auf T-Online.de. Bei diesem und ähnlichen Artikeln anderer Portale wird häufig der nicht unwichtige Teil des einführenden Dialogs missachtet. Schließlich zeichnen sich typische Rollenspiele durch einen schmalen Grad zur Blamage aus. Ein falscher Satz und alles ist ruiniert. Alternativ den Partner bzw. die Partnerin wortlos über das Knie zu legen und drauf los zu kloppen erscheint auch nicht optimal. Nein, es fehlen geeignete Dialogvorgaben, um eine entsprechende Stimmung zu schaffen. Es ist ja nicht immer Karneval.

Superman und das schmutzige Dienstmädchen

Besonders obskur wird es, wenn es vor Aufregung zu Irrtümern bezüglich der Rollenverteilung kommt. Wenn zum Beispiel der strenge Chef vergebens auf seine tippwütige Sekretärin wartet und stattdessen mit der Nonne Vorlieb nehmen muss. Oder wenn die schlagfertige Domina dem Klempner erklärt, warum a) kein Rohr verlegt werden braucht und b) er ein mieser kleiner Knecht ist. Lächerlich. Doch scheinbar wird das Thema nie seinen Reiz verlieren, zumindest für die eine oder andere Schlagzeile. Wahrscheinlich werden die Fachmagazine in wenigen Jahren neue Rollenspiele fürs Bett vorschlagen, wie zum Beispiel:

  • Vin Diesel muss mit dem Auto durch den TÜV und die Inspekteurin schaut schon nervös
  • Luke Skywalker und Prinzessin Leia pfeifen auf die Moralapostel
  • Bill Clinton sucht eine neue Praktikantin
  • Batman und der Joker prügeln sich lange und intensiv, bis sich das Blatt wendet
  • Sally stöhnt Harry noch einmal was vor
  • John Snow findet ein Drachenei und hält es für Spielzeug

Photo credit: Roberto Bosi photographer & videomaker on VisualHunt.com / CC BY

Beitragsbild: »Muss ich mit dem Partner den Netflix-Account teilen?«

»Muss ich mit dem Partner den Netflix-Account teilen?«

Demotivationsfragen: Rhetorische Fragen, deren Antworten entmutigen aber zeitgleich erheitern können. Regelmäßig auf Miesepeters.

Die Demotivationsfrage: Bin ich verpflichtet, meinen liebsten Hasischatzipups mein Netflix-Passwort mitzuteilen? Nachher erhalte ich lauter blödsinnige Serien-Vorschläge, die meine Welt durcheinander bringen!

Ich sehe was, was du nicht siehst

Mein Lebensabschnittsgefährte nervt. Nichts bringt ihn mehr zum Kichern als diese superblöde Serie »Rick and Morty« auf Netflix. Wie oft musste ich klein beigeben und stundenlang bingen, während er ständig irgendwas von »Das war eine Referenz an Blah und Blubb« erzählt. Dabei erhoffte ich mir, dass er mir im Gegenzug eine Freude macht und danach eine meiner liebsten Serien anwirft. Pustekuchen! Nach »Rick and Morty« quälte ich mich durch eine weitere Animationsserie mit einem depressiven und vor allem sprechenden Pferd! So geht das nicht weiter. Erstens will ich meine Serien gucken und zweitens ruiniert mir seine Auswahl mein Konto. Kurz nach dem Einloggen schlägt mir Netflix »Archer« und »F is for Family« vor. Ich will mein Disney! Oder wenigstens »Orange Is The New Black« oder »Fuller House«. Alles nur, weil mein ach-so-toller Boyfriend zu geizig für einen eigenen Account ist. Deshalb frage ich mich: muss ich meinen Netflix-Account überhaupt teilen? – Katharina V. aus Bocholt.

Geteiltes Leid ist halbes Leid

Sie sind bestimmt auch eine von denjenigen Personen, die keine einzige Pommes Frites abgeben würden, obwohl sie eine prall gefüllte Schale auf Ihrem Schoß hätten, stimmts? Eine Beziehung zu führen, bringt viele Vorteile mit sich: man muss nicht ständig selbst unangenehme Hausarbeiten erledigen und es gibt ab und zu sexuelle Gefälligkeiten. Natürlich existieren auch Schattenseiten. Dazu gehört unter anderem die Einigung auf das bevorzugte Berieselungsprogramm. Vor gar nicht allzu langer Zeit schmissen wir ohne Hemmungen den Fernseher an und gaben uns mit dem Programm zufrieden, was die Fernsehmacher uns zumuteten. Dank des Siegeszugs der Streaming-Dienste stehen wir vor dem Dilemma ständig Entscheidungen treffen zu müssen.

Geschmäcker sind bekanntlich verschieden. Nur weil Sie womöglich ein Bett mit Ihrem Liebsten teilen, bedeutet das noch lange nicht, dass er die tiefe Meta-Ebene der Gilmore Girls je begreifen will bzw. wird. Das heißt im Klartext: einer hat immer das Nachsehen, es sei denn, es werden zusätzliche Bildschirme bemüht, um parallel miteinander -aber getrennt – vor flimmernden Bildern abzuschalten.

Zurück zu Ihrer Schale Pommes. Um den Haussegen zu retten, bleibt wohl oder übel nur der Kompromiss. Teilen Sie ihr Leid. Schauen Sie sich mit Ihrem Partner ausschließlich Serien und Filme an, die Sie beide verabscheuen. Wenn Sie mich persönlich fragen, würde ich sämtliche Filme von und mit Adam Sandler empfehlen. Mit dieser simplen Methode wird ein gemeinsamer Feind erkoren, der nicht nur verbindet, sondern auch die Abendunterhaltung sichert. Nichts ist schöner, als gemeinsam Richtung Bildschirm zu schimpfen.

Weitere Demotivationsfragen.

Photo credit: lookcatalog on VisualHunt / CC BY

Beitragsbild: Ja, ich habe zum Pur Party-Hitmix getanzt

Ja, ich habe zum Pur Party-Hitmix getanzt

Letztens besuchte ich eine Tanzschule, um erschreckende Tatsachen zu entdecken: dort wird ernsthaft zur Pur oder gar Helene Fischer getanzt! Doch das Allerschlimmste war: ich machte mit. Hier ist ein Geständnis unter Tränen.

Ich muss etwas gestehen. Ja, ich habe zum berüchtigten »Party Hitmix« der Gruppe Pur getanzt. Jener Gassenhauer, der in jeder Dorfdisse gespielt wird, wenn Helene Fischer gerade verklungen ist. Der Song, zu dem sich ältere Herrschaften Mut antrinken, um viel jüngere Frauen auf die Tanzfläche zu zerren. Den viele lieben, aber mindestens genauso viele hassen. Ich gehöre zu letzteren Gattung, obwohl ich dazu das Tanzbein schwang. Ich kann aber nichts dafür, ehrlich! Es war im Zuge meiner ersten Tanzstunde und die Lektion »Discofox« brauchte musikalische Untermalung. Ist sich Hartmut Engler eigentlich bewusst, was er da angerichtet hat? Wahrscheinlich hat er meine Absichten geahnt und reibt sich diabolisch die Hände.

»Du bist kein Einzelkämpfer, du bist so herrlich schwach«

Nadine war der Meinung, dass uns etwas Bewegung gut tun würde. Scheinbar reichte ihr der Gang zum Kühlschrank nicht mehr, beziehungsweise es nervte, dass wir bereits durch das Öffnen einer Gouda-Packung außer Puste waren. Sport ist uns jedoch zuwider und ein Besuch im Fitness-Studio lachhaft, also kam sie auf die glorreiche Idee, einen Schnupperkurs in einer Tanzschule zu buchen. Da ich gerne mal wieder meine Füße sehen würde, stimmte ich zu. Hat außerdem den Vorteil, dass wir im Fall der Fälle total heiße Moves aufs Parkett legen könnten. In der Theorie zumindest.

Meine erste Lektion war es, meine Freundin in die Hände von fremden Männern zu geben. Tanzlehrer Klaus schnappte sich kurz nach der Begrüßung Nadine, um mir ein paar Grundschritte zu demonstrieren. Eins, zwei, drei, Tschack. Eins, zwei, drei, Tschack. Easy! Das sah absurd einfach aus, sodass ich ihn direkt weg schubste, um es selbst zu probieren. Drei, eins, Tschack, Moment mal? Nadine verdrehte die Augen und ich wünschte, wir wären ins Fitness-Studio gegangen. Zum Glück hatte der Lehrer eine Lösung parat. »Denk einfach an Bierkästen«, empfahl Klaus. Kinderspiel, ich löse eh alle schwierigen Fragen des Alltags auf der Grundlage von Bier. Meine Schritte sollte nicht größer werden als ein handelsüblicher Bierkasten. Dank dieser ausgefeilten Technik lernte ich innerhalb von 15 Minuten Cha Cha Cha, Walzer und Discofox. Nadine war erleichtert, dass ich mir nicht die Beine brach und ich fühlte mich wie Fred Astaire.

»Hör gut zu, du bist mein Glück. Und ich sing dir meine Lieder«

Jeder, der schon einmal an einen Kurs einer Tanzschule teilgenommen hat, kennt die blanke Panik in den Gesichtern der anwesenden Herren. Ihre Blicke sagen: »Ja, meine Freundin hatte das letzte Wort und deshalb stehen wir nicht am Grill, sondern hier auf dem Parkett. Spare dir jeglichen Kommentar!« Ich hätte mich mit Leidensgenossen verbrüdern und eventuell zur Revolte aufrufen können, doch Klaus ließ unsere Beine nicht still stehen. Während ich versuchte zu schnellen Cha Cha Cha-Rhythmen Schritt zu halten, hatte Nadine sichtlich ihren Spaß. Lag es an meiner sichtbaren Überforderung oder am Tanz? Manche Dinge sollte man nicht ansprechen.

Das gilt übrigens auch für Tanzlehrer Klaus. Naiv ohne Gleichen fragte er in die Runde, welches Lied zur folgenden Lektion Discofox gespielt werden sollte. Eine Tanzkursteilnehmerin schrie vollkommen ironiebefreit »Atemlos«. Nadine und mir stockte tatsächlich der Atem. Das Dilemma wurde verschärft, weil irgendein anderer Teilnehmer lauter brüllte und den »Party-Hitmix« von Pur forderte. Selbst Klaus reagierte angewidert, doch beugte sich der sadistisch motivierten Wahl. Die ersten Zeilen erklangen: Du bist nicht hart im Nehmen, du bist beruhigend weich. Was willst du uns damit eigentlich sagen, Hartmut Engler?

»Wenn ich am Boden liege, erzählst du mir, dass ich bald fliege«

Bierkästen, Bierkästen, Bierkästen, Tschack. Erschreckend, wie gut diese Tanztechnik selbst bei den Evergreens der Dorfdissen funktioniert. »Ich lieb’ mich in dir fest. Wooh, wenn du mich nur lässt«. Nadine und ich spürten schnell, das Gegenwehr keine Wirkung zeigte. Wir warfen uns einen »Fuck-it-Blick« zu und fegten über das Parkett, als ob »Smack my bitch up« und nicht Pur im Hintergrund laufen würde. Leider haben die Texte und Melodien des Hitmixes eine unangenehme Ohrwurm-Wirkung. Wenige Sekunden genügten, um sich in mein Unterbewusstsein zu brennen. Die nächsten Tage werde ich »Ein graues Haar, wieder geht ein Jahr« auf dem Klo summen. Bis dahin tanzten Nadine und ich weiter Bierkästen, als wir endlich erlöst wurden. Zum Glück nahm Pur nie einen einstündigen »Super-Mega-Party-Ultramix« auf.

Trotz aller Hindernisse (wie zu große Füße) möchte ich uns loben: wir tanzten gar nicht mal so scheiße. Tanzlehrer Klaus spoilerte bereits die zweite Stunde, die in Kürze ansteht. Samba, Tango und eine saftige Wiederholung der bisher gelernten Grundschritte. Als wir das hörten, blitzten wir uns gegenseitig an – mit Funkelperlenaugen. Mit anderen Worten: Tränen.

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Beitragsbild: Kontaktangst: Warten, bis alle weg sind

Warten, bis alle weg sind

Wir geben uns meist kontaktfreudig, offen und hilfsbereit. Aber wenn wir Nachbarn im Treppenhaus hören, warten wir so lange, bis die Luft rein ist. Auch ich fand mich in einer solchen Lage wieder und wartete … und wartete.

Geht das noch langsamer? Viel länger kann ich meine Luft nicht anhalten. Herr Hiebnagel schwabbt in Zeitlupe die Treppe hinunter, als ob er nie unten ankommen möchte. Als ob er einen unangenehmen Termin beim Finanzamt oder dem Urologen wahrnehmen muss. Ich hingegen presse mein Auge auf meinen Türspion und beobachte seinen Schneckengang. Gib alles, Hiebnagel! Sonst verende ich am seltsamsten Suizid aller Zeiten und komme zusätzlich zur spät zur Arbeit. Natürlich könnte ich auch einfach die Tür aufreißen, Hiebnagel sportlich auf den Treppenstufen überholen, um mich pünktlich in die nächste U-Bahn zu quetschen. Aber aber aber! Das kann ich nicht bringen. Nachher muss ich mit meinem Nachbarn reden.

Warten statt plauschen

Laut irgendeiner Schlagzeile kennt jede zweite Mieter seine Nachbarn nicht. Zwar sind mir einige Namen der Personen im Haus bekannt, aber was bedeutet schon kennen? Was weiß ich, was Frau Hupe gerne auf dem stillen Örtchen liest? Ob Familie Binsenstein jedes zweite Wochenende Mittelaltermärkte zwecks Met und Kinderschminken einplant? Ist mir wurscht. Auch wenn sie mir nichts getan haben, kann ich auf Unterredungen zwischen dem dritten und zweiten Stockwerk verzichten. Ich rechne immer mit dem Schlimmsten: einem lieblos dahin genuschelten »Guten Tag«.

Der Hiebnagel scheint sich derweil der Haustüre zu nähern, sein Geschnaufe ist kaum noch hörbar. Ich würde ja nun starten, aber dummerweise muss ausgerechnet um diese Zeit die olle Frau Gurkowksi die unverschämt hässliche Patsy ausführen – zumindest nach meinem Zeitplan. Ja, ich habe eine kleine anschauliche Tabelle mit den jeweiligen Flurzeiten angefertigt. Übertrieben? Womöglich. Jedenfalls müsste die französische Bulldogge mit dem bescheuerten Namen in wenigen Augenblicken hörbar durch das Treppenhaus hecheln. Kurz darauf dürfte der mysteriöse Nachbar vom obersten Stockwerk von der Arbeit kommen. Ich überlege kurz, ob ich aus dem Fenster klettern soll.

Stufenweise Nervenkitzel

Meine U-Bahn ist weg. Wenn nun auch noch der Paketzusteller seine tägliche Ladung Plunder in unserem Haus abgeben will, bin ich meinen Job auch los. Warum kann das faule Pack nicht in der Gegend einkaufen gehen? Support your local scene, verdammt nochmal. Ich möchte doch nur unbehelligt durch den Flur und auf die Straße. Leider fehlen mir realistische Alternativen. Ich könnte einen Feueralarm auslösen und mich von der Feuerwehr via Leiter »retten« lassen. Oder ich renne einfach los und hoffe, dass ich so allen Nachbarn entwische. Stattdessen mache ich das Gegenteil: ich ziehe meine Schuhe aus, öffne die Wohnungstüre und schleiche langsam los.

Mein Puls rast, die folgenden Minuten sind ein nervenaufreibender Drahtseilakt. Schritt für Schritt steige ich auf Socken die Treppe hinab und hoffe, dass mich weder jemand sieht noch hört. Nur noch wenige Stufen! Ich erkenne bereits die Haustüre! Das Licht, die Freiheit! Doch was zum Teufel? Ich sehe Nachbar Hiebnagel, wie er sich die Schuhe anzieht. Ich laufe geradewegs an ihm vorbei, als ob nichts wäre. Wir beide nuscheln demütig »Guten Tag« und hören, wie sich im Hintergrund weitere Türen öffnen.

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