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Beitragsbild: Die Antwort auf alle Fragen: Babyfoto

Die Antwort auf alle Fragen: Babyfoto

An alle, die bereits als Antwort auf eine simple Whatsapp-Frage ein Babyfoto ohne sonstigen Kommentar zugeschickt bekommen haben: Ihr seid nicht alleine.

Abseits dieses Blogs bin ich zuweilen ein recht umgänglicher Mensch, trenne Müll, gehe zur Wahl und furze nicht in Aufzügen. Wider Erwarten überkommt mich sogar ab und zu eine Welle der Nächstenliebe, in der via Smartphone zum Geburtstag gratuliere oder einfach so frage: Hey, wie geht’s? Und was bekomme ich als Antwort? Kein Kommentar zum Befinden, kein »Wessen Nummer ist das?«, sondern ein … Babyfoto.

Es kann niemand entkommen

Mittlerweile wurde mir von anderen Betroffenen versichert, dass diese Art und Weise der Antwort keine Seltenheit ist. Nach einer Dauer von mindestens neun Monaten besteht die Gefahr, dass Dialoge durch wortkarge Bilderfluten in Form von Babyfotos gefährdet werden. Da kannst du nach dem Netflix-Passwort oder dem Wetter in Irgendwo fragen, es folgt darauf nur eine Antwort: ein Bild eines kleinen sabbernden Menschens, der sich noch nicht wehren kann.

Über die Gründe lässt sich nur spekulieren. Vielleicht genießen es junge Mütter und Väter einen gewissen Moment der Wahrheit zu provozieren, in dem alle Karten auf Tisch kommen. BÄM! Ich habe Nachwuchs gezeugt, und Du so!? Oder sie platzen vor Stolz und Liebe und wollen die ganze Welt daran teilhaben lassen –  oder zumindest diejenigen, die ahnungslos fragten, ob alles okay sei. Manche verzieren ihre WhatsApp-Profile und Status-Postings mit Fotos ihrer Sprößlinge. Frei nach dem Motto: frag mich endlich, was sich alles bei mir getan hat!

Mir egal, was ihr schreibt. Hier ist ein Babyfoto

Laut einer amerikanischen Studie könnte das ständige Posten von Babyfotos den Versuch darstellen, eine eigene Rolle zu finden und somit die Bestätigung für das eigene Tun zu erhalten. Im Grunde sollte ich mir als Mann an dieser Stelle eine Meinung schenken. Mir ist vollkommen klar, dass ich mich bei diesem Thema auf ganz dünnem Eis bewege. Was weiß ich schon über den Gegenwind, den eine junge Mutter spüren kann? In meiner wagen Vorstellung ist der Druck gewaltig. Es muss alles stimmen! Balanceakt zwischen Erwartungshaltungen, eigenen Ansprüchen und dem Schein, den es zu wahren gilt.

Aus diesem Grund suchte ich den Dialog zu Menschen, die auch unfreiwillig stapelweise Babyfotos sammeln. Sie bestätigten meine Erfahrungen, indem sie mir Auszüge der teilweise recht absurden Gespräche präsentierten. »Heute Abend was vor?« Babyfoto. »Habe mir ‘nen neuen Teppich gekauft. Was hältste davon?« Babyfoto. Wobei der schwierige Teil erst NACH dem Foto kommt. Wie antwortet man auf das Bild eines Säuglings?

Doch wie sollte man antworten?

»Hmmm. Okay.« oder »Baby..?« … eine wirklich geeignete Antwort möchte mir nicht einfallen. Zumal die geblitzten Babys eh alle gleich aussehen. Ist das nun der Nachwuchs von Lena oder von Bernd? Keine Ahnung, verdammt! Weitere Antworten: »Ist es voll funktionstüchtig?« könnte beleidigend wirken, während ich »Nein, danke« schon beinahe wieder angebracht finde.

Am besten sie schicken mir alternativ besser Bilder von Welpen oder anderem süßen Getier, da kann ich meine Freude kaum zügeln: »OMG WAS IST DAS FÜR 1 KNUDDELWUDDELKNUTSCHIWUTSCHI … ICH WILL STERBEN. GIB IHN MIR SOFORT. AAAAAAAAAAAAWWWW <3<3<3 SO FLAUSCHIG!!!!!1111«. Da kann kein Säugling mithalten, im Gegenteil. Welpen 1, Babies 0.

Image by joffi from Pixabay

Leichen im Keller bzw. Ärsche auf dem Handy

Leichen im Keller bzw. Ärsche auf dem Handy

Filmrezension »Das perfekte Geheimnis«

In der deutschen Film- und Fernsehunterhaltung genießen Talkrunden einen besonderen Stellenwert. Täglich schwafeln und fachsimpeln gefragte Menschen in der Flimmerkiste um die Wette – und wir Zuschauer kleben an ihren Lippen. Möglicherweise liegt es an unserer typisch deutschen Schadenfreude, der Drang den berüchtigten roten Knopf zu drücken. Wiki beschreibt diese Emotion als die »Freude über das Missgeschick oder Unglück anderer«. Passt hinsichtlich des aktuellen Filmwerks »Das perfekte Geheimnis« aus der Feder von Bora Dağtekin wie die Faust aufs Auge. Man möchte im Kino aufschreien: »Alle scheiße! Außer Mutti. Besonders die Kerle!«

Manche legen es darauf an

Zur Handlung: Rocco (Wotan Wilke Möhring) und Eva (Jessica Schwarz) laden ihre langjährigen Freunde zum Pärchenabend mit Eskalationsgarantie ein. Um das gegenseitige Vertrauen innerhalb der Freundschaft auf die Probe zu stellen, sollen bei dieser besonderen Talkrunde alle Smartphones aus der Tasche auf den Tisch. Jede Nachricht, jeder Anruf … alles wird laut vorgelesen. Ich persönlich möchte behaupten: wer solche Ideen hat, möchte die Welt brennen sehen.

Ein Handy ist nicht nur hilfreich bei Langeweile und als Erinnerungsstütze für kommende Geburtstage, es kann sogar ein ganzes Parallelleben verbergen (#mussmanwissen). Somit ist es keine Überraschung, dass bereits nach kurzer Zeit die ersten eindeutig zweideutigen Nachrichten eintrudeln. Natürlich lassen zusätzlich aussagekräftige Bilder ebenfalls nicht lange auf sich warten. Um weitere Katastrophen zu verhindern tauschen Leo (Elyas M’Barek) und Pepe (David Florian Fitz) ihre Smartphones, was – wer hätte das gedacht – natürlich in die Hose gehen muss.

Die Lust am Scheitern

Die Empörung ist groß, das Geschrei laut. Und es macht Spaß! Der Film greift zwar tief in die Klischeekiste, aber dank der Lust am Fremdschämen kommt keine Langeweile auf. Frederick Lau überzeugt in seiner Rolle als unsympathischer Großkotz Simon, während Jella Haase als Bianca den perfekten Kontrast darstellt: hilfsbereit und begeisterungsfähig wirkt sie wie der letzte Hoffnungsschimmer in dieser zum Scheitern verurteilten Runde.

Auch wenn ich bei diesen Voraussetzungen eines Pärchenabends einen Horrorfilm erwartet hätte, bleibt sich Autor und Regisseur Bora Dağtekin (Türkisch für Anfänger, Fack ju Göhte) treu und liefert eine Komödie nach dem bekannten Erfolgsrezept: verspielte Klischees, reichlich Pimmelwitze und feierliche Blamagen zum Ausleben der Schadenfreude. Zwar ist letztlich kein Geheimnis für den Zuschauer so perfekt, dass es verborgen bleibt, aber die vielen Momente des Scheitern bieten trotz mancher arg konstruierter Dialoge beste Unterhaltung.

Sie wollen doch nur spielen

»Das perfekte Geheimnis« ist die deutsche Interpretation des italienischen Films »Perfetti sconosciuti« (2016), der ebenfalls für den französischen Markt unter dem Titel »Le Jeu« (2018) adaptiert wurde. Selbst die Italiener und Franzosen haben das Wort Schadenfreude in ihren Wortschatz übernommen. Scheinbar ist das Phänomen anderen Mitmenschen beim Scheitern zuzuschauen europaweit ein Dauerbrenner.

In der deutschen Fassung bleibt das Happy-End nicht aus. Zwar entpuppt sich ein Großteil der Charaktere als Arschlöcher, doch die Männer schießen mit homophoben Sprüchen den Vogel ab. Versöhnlich und optimistisch will das Ende wirken: Lasst den Männer ihre Handys, ihre Spielzeuge. Sie möchten schließlich nur spielen, oder? Es bleibt jedoch ein gewisser Nachgeschmack. Ist es okay, homophob zu sein? Und ist Gewalt ein geeignetes Mittel zur Konfliktlösung? Diese Fragen könnten zu mehr Konflikten führen als ein falsch versandtes Tittenbild. Was »Das perfekte Geheimnis« aber in jedem Falle bietet: Gesprächsstoff für den nächsten Pärchenabend und nervöse Blicke auf das nächste Handy.

Photo credit: Petit_louis on Visualhunt / CC BY

»Das perfekte Geheimnis«
Kinostart: 31.10.2019 | Darsteller: Elyas M’Barek, Karoline Herfurth, Florian David Fitz, Jella Haase, Frederick Lau, Jessica Schwarz, Wotan Wilke Möhring u.a.| Produzentin: Lena Schömann | Executive Producers: Martin Moszkowicz | Regie: Bora Dağtekin | Drehbuch: Bora Dağtekin

Titel: Neulich bei den anonymen Plastikfreunden

Neulich bei den Anonymen Plastikfreunden

Dilemma Plastik: Man stelle sich eine Art Selbsthilfegruppe für Leute vor, die partout nicht auf Plastikmüll verzichten wollen. Wie das wohl ablaufen würde?

Ich gab mir den Namen Bruno. Wie lässig es klingt, wenn Leute »Was geht, Bruno?« sagen! Beste Voraussetzungen für die Vorstellungsrunde bei den Anonymen Plastikfreunden. Die ultimative Anlaufstelle für alle armen Kreaturen wie mich, die nicht auf ihre tägliche Portion Plastik verzichten können/wollen. In erster Linie geht es natürlich um Austausch von Erfahrungen, zusätzlich sämtliche Sorgen bezüglich der Kampagne gegen Plastik sollen auf den Tisch; Gleichgesinnte können dank der engagierten AP über ihr Lieblingsmaterial debattieren und brauchen sich nicht zu schämen, wenn sie mal ‘nen Kaffee im Plastikbecher getrunken haben.

Aufmerksam wurde ich auf diese Veranstaltungen auf dem üblichen Weg: Filterblase, sprich Social Media. Überrascht über die regen Followerzahlen erkundigte ich mich nach dem Ort für das nächste Treffen und ob ich einfach mir nichts dir nichts vorbeischauen könnte. Na klaro! Musste mich halt zu der angekündigten Uhrzeit vor der lokalen IKEA Filiale einfinden. Warum IKEA? Weil jeder Teilnehmer bei einem spontanen Bedürfnis nach Plastik (und nur im Notfall!) schnell im Bällebecken abtauchen darf.

Finger weg von meiner Strohhalm-Sammlung

Leider sagte niemand zu mir »Was geht, Bruno?«, aber wenigstens begrüßte mich die illustre Gruppe freundlichst. Es war ein komplett durchmischter Haufen, die sich nur dank ihrer Zuneigung zum Plastik in einem klischeehaften Sitzkreis versammelten. Da einige neue Gesichter am Start waren, fiel die Vorstellungsrunde etwas ausführlicher aus.

Eine schmächtige Linda berichtete uns von ihrer heimlichen Strohhalm-Sammlung, die sie scheinbar über Jahre hinweg auf dem Dachboden hortete. Timo (mit Bart) hingegen schwörte auf in Plastik eingeschweißtes Obst und Gemüse, ohne Wenn und Aber. Ein sogenannter Nikolaus übertreibt total, da er zu den absurdesten Gelegenheiten einen prall gefüllten gelben Sack mit sich herum schleppt. So unterschiedlich die Vorlieben der Anonymen Plastikfreunde auch sein mochten, uns alle verband ihre Liebe zum Kunststoff. Wir wollten der Umwelt zuliebe und aufgrund des medialen Drucks unsere Neigungen bändigen, aber es ist wahrlich kein Zuckerschlecken. Als zum Beispiel ein anderer Timo (ohne Bart) das Verbot für Plastiktüten ansprach, mussten zwei Teilnehmer zur Beruhigung direkt ins Bällebad.

Der künstliche Stein der Weisen

Irgendwann war auch mein Moment gekommen. Gespannt wartete die Truppe auf meine Vorstellung. »Hi. Ich bin Bruno und möchte euch meine Obsession präsentieren.« Wortlos holte ich einen Lego-Stein aus meiner Hosentasche und hielt ihn vor mich. Ein leises Raunen ging durch die Runde. Aus dem Augenwinkel meinte ich sogar zu erkennen, dass hinter einer vorgehaltenen Hand getuschelt wurde. Einleuchtend, keine Frage. Es war die pure Provokation, als ob ich eine Sektflasche bei einem Treffen der Anonymen Alkoholiker köpfen würde.

Zweifelsohne ein gelungener Einstand. Anstatt ihre Hemd- und Blusenknöpfe, Wasserflaschen oder Smartphones zu befummeln, wollten sie alle meinen Lego-Stein halten. Plastik, welches man bereits seit der Kindheit lieben gelernt hat. Das selbst heute noch – und sogar in der furchtbar ernsten Businesswelt – den guten Ruf inne hat, Kreativität zu fördern und Fantasien zu formen. Ein magischer Stein, der noch nicht für überflüssig erklärt und durch alternative Materialien ersetzt wurde – im Gegensatz zu Lindas Strohhalmen.

Dem Plastik zuliebe

Eine Woche später. Die Runde der Kunststofffanatiker hat sich wieder eingefunden, doch etwas hat sich seit meinem Einstieg verändert. Für die nächste Zusammenkunft durfte jeder sein neues Lieblingsobjekt mitbringen. Linda hat neuerdings keinen Bedarf mehr an ihren alten Strohhalmen, stattdessen feiert sie Bambus. Timo stieg der Umwelt zuliebe auf natürlich verpacktes Obst um – die Banane.

Mancher Plastikmüll kann vermieden werden, warum nicht einfach anfangen? Scheint zumindest bei den Anonymen Plastikfreunden recht angebracht. Nur Nikolaus druckste herum, kam aber letztendlich nicht mit leeren Händen: zwei vollgestopfte gelbe Säcke mit Lego-Bausteinen.

Photo credit: michaelkowalczyk.eu on Visual Hunt / CC BY-SA
Beitragsbild: Es wird Arschlöcher geben

Es wird Arschlöcher geben

Ob in der Politik, den Medien, der Wirtschaft oder im Umfeld – du kannst es drehen und wenden, wie du willst: Arschlöcher sind unvermeidbar und leider allgegenwärtig.

Ein kleines Beruhigungsmittel in Textform an mich selbst: du kannst es drehen und wenden, wie du möchtest – es wird immer und überall ein absolutes Arschloch geben. Es wird dir ins Gesicht lügen und schlimmstenfalls nehmen, was dir lieb ist. Vielleicht reißt es dir gar das Herz raus und hinterlässt bleibende Schäden. Egoismus ist eine Motivation, nicht selten der Treibstoff; es macht ein solches Arschloch aus. Solche Gestalten sind selbstsüchtig, rücksichtslos, habgierig, träge und weisen letztlich jede Verantwortung von sich. Zugeben, dieser Absatz liest sich, als hätte ich ordentlich eins auf die Mütze bekommen. Als ob ich in Selbstmitleid zerfließen würde und die Gelegenheit nutzen möchte, ordentlich Frust abzulassen. Teilweise richtig. Zusätzlich ziehen mich die Erzählungen aus dem Freundes- und Bekanntenkreis runter, die zwangsläufig auch an Arschlöcher geraten sind. Wie geschrieben, diese Zeilen sollen eine Art friendly reminder darstellen. Sie werden jedem begegnen, aber alleine diese Erkenntnis kann deren Einfluss schwächen.

Als ob es eine Fabrik für diese Idioten gäbe

Es wird immer einen geben, der Dir die Vorfahrt nimmt. Jemanden, der die letzte Klorolle verbraucht ohne aufzufüllen. Einen Incel, der alle Frauen bis auf Mutti für sein Scheitern verurteilt. Arme Gestalten, die nichts außer ihrer Heimat nennen wollen, auf das sie stolz sind. Die ihr Handy zücken, wenn Andere ums blanke Überleben kämpfen. Ungeduldige, die nicht am Bahngleis nicht warten können, bis andere Fahrgäste ausgestiegen sind. Gewissenlose Monster, die in der Werbung oder im Bankgewerbe arbeiten. Natürlich auch solche, die ihren Müll unbekümmert auf den Boden werfen. Spießbürger, die sich aus Prinzip über ihre Nachbarn beschweren. Die niemanden aussprechen lassen. Arschlöcher, die das Ende des Buches oder Films spoilern und sich darüber freuen. Oder solche, die sich selbst an ihren Facebook-Kommentaren aufgeilen. Trottel, die dir vorschreiben wollen, was du zu tun hast – oder zu denken. Die dich nur nach deinem Befinden fragen, damit sie über sich selbst reden können.

Nachschub garantiert – aber es gibt Hoffnung

Die schlechte Nachricht zuerst: Ja, du wirst sie allesamt kennenlernen und sie werden dir ordentlich auf den Zeiger gehen. Doch es gibt auch einen kleinen Lichtblick. Du kannst dich auf solche Begegnungen innerlich vorbereiten,  die Nachwirkungen müssen demzufolge bei weitem nicht so dramatisch sein. Vielleicht hilft es, wie Ai Weiwei mit ausgestrecktem Mittelfinger und einem satten »Du-mich-auch« Feeling durch die Weltgeschichte zu stolzieren. Oder wenn du jedes Zucken eines Arschlochs belächelst und ignorierst, denn schließlich findet jeder Albtraum ein Ende. Nimm es nicht persönlich. Baue Distanz auf,  ernsthaft: du musst nicht dauerhaft im selben Raum wie dieses Ungeheuer abhängen. Ist das Arschloch zu stark, suche dir Verbündete. Wechsel nicht auf das Niveau des Idioten, bleib du selbst. Streiche es aus deinem Leben und mache weiter. Moment … habe ich gerade eine  kurze Anleitung verfasst, wie man zum egoistischen, psychopathischen und mobbenden Vollarsch wird?

Photo credit: Luis Marina on Visual Hunt / CC BY

Beitragsbild: »Denk mal drüber nach« waren seine letzten Worte

»Denk mal drüber nach« waren seine letzten Worte

Gerne werden Diskussionen im Web mit Kraftausdrücken und seltsamen Formulierungen geschmückt. Fantastisch ist zum Beispiel die Aufforderung »Denk mal drüber nach« – der verzweifelte Versuch, das Gegenüber bei hitzigen Wortgefechten zu beschwichtigen.

Oder ihre letzten Worte. Für die folgende Story absolut schnuppe. Neulich bestaunte ich einen Eklat in einer Facebook-Gruppe, zu dem Popcorn gut gepasst hätte. Die Emotionen kochten über und einige der Namen beteiligten sich eifrig, ungezähmt – und vor allem unaufgefordert. Kennt man alles.  Dafür gibt es schon lange ein Wort, welches wortwörtlich übersetzt höchst unangenehm klingt: Shitstorm. Wieso und weshalb es jedoch zur gemeinschaftlichen Empörung im Netz kam, soll an dieser Stelle eine untergeordnete Rolle spielen. Was mich beim Lesen der aufgewühlten Statements weitaus mehr faszinierte war eine abschließende Formulierung, die erstaunlich oft genutzt wurde. Denk mal drüber nach. Ein gezogener »Schlussstrich«, ein signalisierendes »Basta« oder eine Drohung, dass die »Schotten dicht gemacht« wurden. Denk mal drüber nach. Das ultimative Fazit, dem nichts mehr hinzuzufügen ist, Widerrede vom Absender unerwünscht.

Eine andere Umschreibung für »Ich habe recht«

Absurd. Jemand drängt mir unaufgefordert eine Meinung auf und ich soll mich folglich damit im stillen Kämmerlein auseinandersetzen? Okay, ausnahmsweise. Denke ich halt mal darüber nach. Bin sogar mittendrin. Wobei ich stark vermute, dass die Aufforderung eher eine Umschreibung für »Schnauze! Ich habe recht!« darstellen soll. Ich stelle mir vor, wie ein solches Verhalten offline funktionieren könnte. Debatten werden erfahrungsgemäß gerne in Küchen und sonstigen Orten der Völlerei geführt – mit einem Getränk in der Hand. Ein Anwesender verschätzt sich maßlos und spuckt auf dem Tiefkühlschrank lehnend seine kontroverse Meinung aus: Ananas auf der Pizza ist voll in Ordnung! Denk mal drüber nach!

Die Menge schweigt und vereinzelt schämt sich jemand etwas fremd. Nicht unbedingt, weil sie im inneren Monolog die Existenz von Ananasstückchen auf ihrem Lieblingskaterfrühstück debattieren sondern weil sie sich wünschten, sie hätten diesen Unfug nie gehört.

Selbstgespräch mit Stoppschild

Stelle sich einer vor, dass diese rhetorische Nullnummer in der Politik ihren Einsatz findet! Eine Diätenerhöhung ist voll und ganz angebracht, da Politiker ebenso voll und ganz dahinter stehen. Denk doch mal darüber nach!

Die einen übernehmen das Denken, die anderen das Reden. Besonders in besagten Facebook-Gruppen wird hinsichtlich des Denkens scheinbar eine Art Outsourcing betrieben. Diskussionen über digitale Kanäle sind mühselig, da sie eigentlich mehr einem Selbstgespräch denn einem Dialog gleichen. Meinung hin oder her, Statements werden häufig spontan und ohne große Überlegung ins Netz geworfen. Besonders wenn ein ordentlicher Schuss Weißglut als Treibstoff für die Meinungsäußerung dient, möchte man ein »Ja, aber …« weder hören noch lesen. DENK MAL DRÜBER NACH ist somit ein Stoppschild für all jene, die noch ein Argument in petto haben. Lass es stecken, sondern denke mal drüber nach. Worüber auch immer. Zum Beispiel, dass man sich Diskussionen im Web schenken könnte … schließlich sind sie nur halb so schlimm wie Ananas auf ‘ner Pizza.

Photo credit: Matt From London on VisualHunt.com / CC BY
Beitragsbild: Wenn andere Leute deine Musik scheiße finden

Wenn andere Leute deine Musik scheiße finden

Danke, danke, danke! Ich kann Dir nicht genug danken, verehrter Erfinder des Kopfhörers. Ohne Dein Geschenk wäre die Welt ein ziemlich lauter, ein unerträglicher Ort. Nicht auszudenken, wenn ich mir jede Lärmbelästigung, die manche ernsthaft »Musik« nennen, antun müsste!

Eigentlich wollte ich Robert loben. Dufter Kerl! Ruhige Erscheinung, gibt ab und zu eine Fassbrause aus, total vertrauenswürdig. Geht selbst mitten in der Nacht nie bei Rot über die Straße, ein Ehrenmann, ein Bro-Bert! Ich persönlich hätte Robert mein Facebook-Passwort anvertraut, meinen Erstgeborenen nach ihm benannt oder wenigstens seinen Namen als Tattoo getragen. Aber so sollte es nie kommen, da ich mich massiv in ihm täuschte. Dieser Mann hört frei von jeder Ironie Ed Sheeran. Ich wiederhole: ED SHEERAN.

Über Geschmack lässt sich (nicht) streiten

Konnte ja auch niemand ahnen, dass Robert einen so beschissenen Musikgeschmack hat. Spätestens als er mit den Worten drohte »Ich muss dir ein Lied vorspielen – das wirst du lieben!«, hätte ich ohne zu Zögern aufstehen und gehen sollen. Wegrennen, laut LALALALA trällern und dabei die Lauscher zuhalten. Stattdessen grinste ich verzweifelt und lauschte qualvoll irgendeinem Lärm seiner Playlist, die er »Get pumped« betitelte. Währenddessen fragte er, ob ich es auch »so geil« fände, als ob uns eine Zeitmaschine zurück in die 90er verfrachtet hätte. Resignierend nickte ich und schwieg weiter. Affengeil, dachte ich und … Get fucked, Robert.

Geteiltes Leid ist nicht immer halbes Leid

Klingt vielleicht übertrieben, aber gewiss ist die Situation nicht unbekannt. Ein Freund, Bekannter oder was auch immer textet »Hör mal rein! Könnte Dir auch gefallen« und schickt einen YouTube Link mit einem so furchtbaren Musiktitel, dass du dir am liebsten wie Van Gogh ein Ohr abschnibbeln würdest. Solche quälenden Vorschläge kann man ignorieren oder am besten direkt blockieren. Schlimmer ist es, wenn die Quälgeister in deiner Gegenwart ihr Handy zücken. Alleine das Scrollen in den Playlisten löst nervöses Augenzucken beim Opfer aus. Aus Höflichkeit sagt man direkt nach dem ersten Takten etwas Blödes wie »Ja, nich schlächt. Mussich späta nomma hörn« oder schweigt, bis das Schlimmste vorbei ist. Wie bei dem Beispiel von eben. Wieso überkommt uns der Drang, andere mit unserem Geschmack zu überzeugen?Anzustecken? Sind die Roberts dieser Welt erst happy, wenn alle seine Playlist teilen und Ed Sheeran summen?

Intime Geschmacksrichtungen

Vielleicht hätte ich mir bei Robert die Mühe machen sollen und ihn direkt nach seinen Lieblingsliedern fragen sollten – aber hey! Musik ist eine intime Angelegenheit. Die Plattensammlung meiner Jugend war geradezu heilig und nur jene Personen, die ich persönlich auserkoren (sprich eingeladen) habe, durften einen flüchtigen Blick drüber werfen. Nicht zu viele Fragen stellen, sondern einfach gut finden. Meine Platten von The Smiths und My Bloody Valentine machten mich stolz; gaben mir das Gefühl, der Vinyl-Halbgott mit einem unerschöpflichen Pool an Trivia zu sein. Wusstet ihr, dass Kurt Cobain zwar aus der High School geschmissen wurde, aber kurz darauf an derselben Schule als Hausmeister arbeitete? Egal. Aus Höflichkeit hat niemand über meine Scheiben gemeckert. Logisch, sonst hätte ich sie auch achtkantig raus geworfen.

Heute? Internet killed intimacy, sodass dir jeder Schelm seine Lieblingslieder ungebeten um die Ohren haut. Sei es online (Facebook, WhatsApp, Playlisten) oder offline (verflixte Bluetooth-Boxen). Niemand, ich wiederhole, NIEMAND fragte dich nach deinem derzeitigen Lieblingslied, unbekannter Facebook-Nutzer. Natürlich muss es niemand anklicken oder gar anhören, aber es droht alleine vom Lesen eine üble Ohrwurm-Gefahr. Ich sag nur »Barbie Girl«. Ist der Songtitel erst einmal gelesen, so startet das Autoplay in deinen grauen Zellen.

Köpfhörer und Musiktitel-Ping-Pong

Gesegnet sei der Erfinder des Kopfhörers! Anfang Juli 2019 feiert der mittlerweile ausgediente Walkman seinen 40. Geburtstag. Musik zum Mitnehmen, super! Doch das Beste: nur du selbst musst/kannst es hören. Was für wundervolle Zeiten. Da können Typen wie Robert zu sämtlichen Gassenhauern der Gruppe PUR im Takt klatschen und direkt im Anschluss zu den messerscharfen Beats des Wu-Tang Clans cruisen. Mir scheißegal, denn ich muss es ja nicht hören.

Abschließend möchte ich meine Wut auf Robert genauer erklären. Beim Lesen der oberen Zeilen könnte der empörte Leser sich fragen, warum mich das so aufregt. »Sag Bro-Bert doch einfach, dass er die Scheiße ausmachen soll, fertig!« Aber so einfach ist es nicht. Jedes Mal, wenn er mich mit seinen grausigen Songs zuballert, vergesse ich meine Prinzipien und tappe stets in die gleiche Falle. Zwar ist mir die Dämlichkeit der Situation bewusst und never ever möchte ich dieses Spielchen mitmachen. Doch was mache ich? Natürlich zücke ich nach wenigen Takten Ed Sheeran mein eigenes Handy und scrolle hastig durch meine Playlist. Voller Scham höre ich mich sagen: »Warte, Alter. Ich habe hier auch einen Song für Dich«. Und wenige Sekunden später gröhlen wir gemeinsam Come on, Barbie! Let’s go party!

Bild: Pixabay

Beitragsbild: Es muss nicht immer Kevin oder Mandy sein Filmrezension »Der Vorname«

Es muss nicht immer Kevin oder Mandy sein Filmrezension »Der Vorname«

Über den aktuellen Film »Der Vorname« (2018) von Sönke Wortmann mit Christoph Maria Herbst, Iris Berben, Florian David Fitz und Caroline Peters – übrigens ein guter Name! Doch in diesem Film geht es offensichtlich um Vornamen

Laut einer Studie aus dem Jahr 2011 sind die Deutschen eine humorlose Nation. Wir sind weder lustig, noch verstehen wir irgendwelche Witze. Während anderswo regelmäßig neuartige Comedy-Formate entstanden, feierten wir Comedians in rosa Joggern, Hausmeisterkitteln oder mit pudelhaften Perücken – bis heute! Gilt das auch für das Kino? Ist die Komödie »Made in Germany« tot? Mitnichten. Vor kurzem feierte der Kultfilm »Bang Boom Bang« ein saftiges Jubiläum. Der Streifen straight outta Unna läuft seit 1.000 (!) Wochen im UCI Bochum.

Kann die deutsche Komödie »Der Vorname« (2018) was?

Nur ist das leider schon etwas her, als die deutschen Filmmacher sich trauten, eine Komödie ohne Til Schweiger ins Kino zu bringen. Schade eigentlich. Umso niedriger war meine Erwartungshaltung, als ich den neuen Film vom Sönke Wortmann mit dem Titel »Der Vorname« sehen durfte. Zwar hat das Regie-Urgestein einige großartige Klassiker wie »Kleine Haie« und »Das Wunder von Bern« auf die Leinwand gebracht, aber mochte mich die Komödie mit Humor-Aushängeschild Christoph Maria Herbst und Wunschschwiegersohn Florian David Fitz auf dem Papier weniger reizen. Voreilig gemiesepetert!

Für den vollen Genuss: Spoiler meiden!

Der Film »Der Vorname« basiert auf einem Theaterstück der Messieurs Alexandre de La Patellière und Matthieu Delaporte. Bereits 2012 gab es eine französische Verfilmung, die auch in deutschen Programmkinos lief. Sönke Wortmann schafft es mit seiner Neuverfilmung, aktuelle Strömungen und Themen, die unsere Nachrichten und Kaffeepausen beherrschen, zielsicher und gekonnt einzubauen. Ich hätte nie gedacht, dass mich eine deutsche Komödie mal wieder zum Lachen bringen kann, aber das schaffte »Der Vorname« mehr als einmal. Des Weiteren hatte ich einen großen Vorteil während der Vorstellung: ich hatte keine Ahnung, worum es in dem Stück/Film geht. Aus diesem Grund empfehle ich jedem, der sich für »Der Vorname« von Sönke Wortmann interessiert, von Spoilern und Trailern großzügig Abstand zu halten. Je weniger man weiß, desto besser. Macht es am besten wie bei neuen Folgen von Game of Thrones: Facebook meiden, nicht mehr mit Mitmenschen sprechen, Augen tagsüber ebenfalls geschlossen halten. Diesen Trailer am besten ignorieren!

Sollte man die Vorlage kennen oder gar die Version aus Frankreich gesehen haben, so ist die Neuauflage dank aktueller Verweise gewiss dennoch sehenswert. Ein gelungener Schlagabtausch für Fans des zündenden Dialogs mit einem Schuss Molière und für alle, die gerne über die Klischees der 68er herziehen. Es macht derbe Spaß, den Darstellern bei diesem Feuerwerk an amüsanten Anspielungen, überraschenden Wendungen plus einem provokantem Schnurrbart zuzuschauen. Vielleicht sollte ich den Deutschen Film doch noch nicht abschreiben. »Der Vorname« liefert zumindest Anlass dazu. Chapeau!

»Der Vorname«
Kinostart: 18.10.2018 | Darsteller: Christoph Maria Herbst, Florian David Fitz, Caroline Peters, Justus von Dohnányi, Janina Uhse, Iris Berben u.a. | Produzenten: Tom Spieß, Marc Conrad | Executive Producers: Martin Moszkowicz | Herstellungsleitung: Christine Rothe | Regie: Sönke Wortmann | Drehbuch: Claudius Pläging nach dem Theaterstück „Le Prénom“ von Alexandre de La Patellière und Matthieu Delaporte.
Beitragsbild: 40 Jahre Miesepeters

40 Jahre Miesepeters

500 Beiträge auf Miesepeters – der Kunst der Schwarzmalerei. Zur Feier des Tages wage ich eine Ausnahme und drehe eine Runde durch meine Inspirationsquellen.

Tun wir doch einmal für einen Moment so, als wäre das hier gar nicht der Blog für Schwarzmaler und Partypupser. Pfeifen wir zur Feier des Tages auf die nervigen»Ja, aber…« Argumente und reden uns vollkommen ironiefrei ein, dass es auch Schönes zu bereden gibt. Zugegeben, es fällt angesichts dieser nie abebbenden Flut an Negativschlagzeilen nicht besonders leicht, aber es gibt einen kleinen Grund zum Feiern: Miesepeters wird 40 und das hier ist der mittlerweile 500. veröffentlichte Beitrag. Geboren wurde die Idee im später September 1978 , als John Travolta & Olivia Newton-John mit dem Song »You’re the One That I Want« die deutschen Charts anführte. Nur ein Jahr später wurde das Zeitalter des schlechten Geschmacks eingeleitet, als die Klamauktruppe Dschingis Khan uns musikalisch mit »Moskau« den russischen Lebensstil schmackhaft machen wollte – was augenscheinlich nur mit einem entsprechenden Pegel Wodka gelang.

Es dauerte weitere Dekaden, bis ich im November 2014 damit begann, meine Miesmuschel-Gedanken salonfähig zu machen und via WWW den Rest der Welt zu desillusionieren. Seitdem entstanden zahlreichen Beiträge wie zum Beispiel die Dauerbrenner »Schnell krank werden – aber wie?« und »Dirty Talk – Wie man sexy beleidigt«, aber auch meine »Ultmativen Hasslisten« Teil 1 und 2.

Namedropping par excellence

Zur Feier des Tages möchte ich Spieß der Hasslisten umdrehen und in diesem Beitrag ausnahmsweise über Sachen reden, die mir Freude bereiten. Echte Freude! Ja, so etwas kann selbst ein Griesgram wie ich empfinden – zumindest, wenn niemand hinschaut. Ich mag: Instagram, da man dort unzählige Panda-Bilder zum Liken findet. Irish Pubs, die keine modernen Charts-Dreck spielen, sondern die guten alten Klassiker. BBC Serien wie »In The Line Of Duty«, »Cracker« oder »Prime Subspect« die jeden »Tatort« wie die »Augsburger Puppenkiste« aussehen lassen. Wassereis, die eindeutig beste Erfrischung zum fortschreitenden Klimawandel. Jürgen Kuttner, der mich mit seinem damaligen Radio-Format »Sprechfunk« und dessen »Videoschnipsel« Vorträge ich oft feiern durfte. Christoph Schlingensief, der so viel Kluges sagte – zum Beispiel in dieser einen Ausgabe von »Durch die Nacht« zu Michel Friedmann, der niemals scharf mit Trüffel essen würde.

When the music’s over

Düstere Elektro-Mucke wie von Andy Stott, Demdike Stare oder Forest Swords, die Langweiler für Test- oder Störgeräusche halten. Musik ist ja eh unverzichtbar; was wäre nicht alles schiefgegangen, wenn ich nie Leonard Cohen, Tom Waits, Will Oldham, Bill Callahan oder Jason Molina für mich entdeckt hätte. Oder Jazz! Undenkbar, genau unverzichtbar wie Currywurst-Pommes-Mayo. Nicht zu vergessen Funny Van Dannen, mein ewig liebster Tombolamusikant. Toscano-Zigarren, da sie mit ihren kaum zu überriechenden Gestank alle Quälgeister verjagen. Autoren wie Wilhelm Genazino (»Abschaffel«), Tony Parsons (»Man And Boy« und Hermann Hesse (»Die Kunst des Müßiggangs«), die mich weniger an der Welt zweifeln lassen. Comics wie »Preacher« und »Transmetropolitan« begeisterten mich in einer Zeit, als von spießigen Superhelden-Verfilmungen noch lange keine Rede war. Ja, selbst Bukowski und Dostojewski durften während der Selbstfindungsphase nicht fehlen. Flauschige Haustiere, wobei ich da natürlich an meinen verstorbenen Kater Henry denke.

Bei der Macht von Grayskull (und anderen)

Mich rettete das gesamte Spektrum der großen Bezeichnung »Kultur«, was für mich stets Ausstellungen, Theatervorführungen, Programmkino und Vorlesungen bedeutete. Daher ziehe ich die Kraft, die für die großen Aufgaben des Alltags (Pendeln, Spülen und soziale Interaktion) benötige. Filmemacher wie Herzog und Von Trier, die gerne ihre Zuseher quälen und mich dadurch faszinieren. Aber natürlich auch die Klassiker von Fellini oder Hitchcock. Mein erster Held »He-Man« wurde abgelöst durch Comedian Bill Hicks, der (leider) immer noch Recht hat. Genau wie George Carlin! Berlin, ich bin trotz allem immer noch verliebt in Dich. Keine Sorge, ich habe Dich nicht vergessen, Köln. Du bist für mich weiterhin die große Ausnahme in diesem verkommenden Westen. Hast mir neue Möglichkeiten und Menschen vorgestellt, die ich nicht mehr missen möchte. Diese Liste könnte ewig weitergehen, es gibt noch so viele andere kreative Köpfe, Nachspeisen und Menschen, die mich beeinflussten. Ihr Kraftspender! Bis heute. Doch darüber reden wir in 500 Texten noch einmal.

Beitragsbild: Beziehungsspeck: Fett und schnaufend im siebten Himmel

Beziehungsspeck: Fett und schnaufend im siebten Himmel

Beziehungen machen dick. Doch was ist schon dabei? Ein wenig Beziehungsspeck hat nur Vorteile für all jene Turteltauben, die eh gerne den ganzen Tag im Jogger verbringen.

Alles hat einen Haken. Du dachtest, mit dem Ende des Single-Daseins hätte das Unglück ein Ende. Kein Tinder und Dating mehr, sondern stattdessen die volle Dröhnung Endorphine – in Form einer brandneuen Partnerschaft. Endlich hört sich jemand fasziniert deinen Scheiß an und möchte im Anschluss trotz Jogginghose Geschlechtsverkehr mit dir. Selbstverständlich ist das nicht, zumal der Langzeiteffekt bitter ist: du wirst fett. Die meisten Dauersingles begründen ihren Status mit Angst vor der Ehe oder gar Kindern, dabei haben sie bloß Schiss, dass sie ihre Füße nie wieder sehen werden.

Der sogenannte Beziehungsspeck oder auch die Wohlstandswampe, der Dad Bod, das Plus-Size-Model. Jenes Polster, welches in jeder Partnerschaft den Klamottenkauf beschleunigt und Außenstehenden Glückseligkeit signalisiert. Insgeheim hat das Mästen des Partners aber auch eine andere nützliche Funktion. Durch die zusätzlichen Pfunde wird das kuschelweiche Herzblatt für die Konkurrenz gänzlich unattraktiv und eine eventuelle Flucht erschwert.

Romantischer Käse

Irgendwelche Klatschspalten-Wissenschaftler haben während des Sommerlochs ausgerechnet das herausgefunden, was sowieso jeder weiß: Menschen in Beziehungen sind dicker als Singles. Leuchtet ja auch ein: man verschwendet keine Zeit mehr im Fitness-Studio, sondern besucht stattdessen mit dem Schnuckelputz ein Restaurant mit einem »All-You-Can-Eat« Angebot. Selbst im Nacktzustand hagelt es Komplimente, man feiert zusammen im Namen der Liebe die immer deutlich werdenden Doppelkinne – nur um im Anschluss das morgige Frühstück zu planen. Die abgedroschene aber wie die Faust aufs Auge passende Redewendung »Liebe geht durch Magen« scheint die Wahrheit gepachtet zu haben. Die weniger bekannte Floskel »Wer braucht schon Liebe, wenn man Dinge mit Käse überbacken kann«, klingt zwar glaubwürdig, aber doppelt-Käse ist bekanntlich in jeder Partnerschaft Pflicht. Doppelt hält besser.

Beziehungsspeck für ein besseres Miteinander

Wie angedeutet bringen die zusätzliche Pfunde kleine Vorteile, um das Herzblatt auf lange Zeit an sich zu binden. Durch »Ben & Jerry’s« sowie »Kinder Schokolade« zur Unkenntlichkeit aufgedunsen dreht sich niemand mehr nach deinem Schatz um. Viel eher beschimpfen die durchtrainierten und ewig hungernden Masochisten (aka Singles) deinen Lover, weil er oder sie permanent die Sonne verdunkelt. Darüber hinaus stellt sich mit den Jahren eine allgemeingültige Faulheit ein, die eine Flucht in ein alternatives Leben gänzlich uninteressant macht. Dein sexy Wonneproppen gehört somit ganz allein Dir – für alle Ewigkeit.

Selbst als Paar trumpft ihr bei typischen Pärchenabenden extrem auf, da euch alle Gäste für die »lustigen Dicken« halten. Optisch macht ihr ja nicht viel her, also seid ihr gewiss hinsichtlich der inneren Werte wunderwunderschön. Man wird an euren Lippen hängen und euch für eure Haare oder Kleidung loben. Somit sollte für alle Vergebenen der nächste Stopp im McDrive als Investition in die Zukunft anerkannt werden. Mampft euch glücklich und schüttelt den Beziehungsspeck, bis die Schwarte kracht.

Beitragsbild: Finger weg von meinem Kaffeebecher!

Finger weg von meinem Kaffeebecher!

Für manche der Heilige Gral, für andere bloß ein Koffeintransporter: der Kaffeebecher ist aus dem Büroalltag nicht wegzudenken. Er unterstreicht die Persönlichkeit, markiert das besetzte Gebiet und ist das Geschenk Nummer 1, wenn einem sonst nichts einfällt.

Sie besteht aus Keramik, ist spülmaschinenfest und trägt den Hinweis: »Hier könnte Ihr Text stehen«. Meine unverzichtbarer Kaffeebecher in der neunten Generation. Vorher besaß ich unter anderem die Modelle »Ich hasse Menschen«, »NOPE« und »There is no place like 127.0.0.1.«. Sie fielen leider den typischen Bedrohungen des Alltags (sprich ungeschickte Kollegen und Spülmaschinen) zum Opfer, doch wurden im Handumdrehen ersetzt. Meine aktueller Büro-Becher wurde mir beim Wichteln geschenkt, aus Höflichkeit habe ich mich nicht negativ über den drauf gedruckten Spruch geäußert. Dabei ist er so witzlos, so unpassend und diskriminierend obendrein. Hier könnte ihr Text stehen. Hier könnte auch irgendwas Lustiges stehen, Vollidiot. Und erst recht nicht mit der Schriftart Comic Sans!

Trink aus meinem Kaffeebecher und du trinkst zukünftig aus Schnabeltassen

Alles ist ersetzbar, jeder ist ersetzbar. Fiese Vorgesetzte verbreiten diese Drohung in regelmäßigen Abständen unter den Mitarbeitern, damit sie auf dem Teppich bleiben. Sicher, mein Becher könnte ich notfalls tatsächlich ersetzen, aber selbst in ihrem hässlich-dummen Zustand ist und bleibt sie dennoch MEINE. Also Finger weg, sonst muss ich euch alle »ersetzen«. Ich reagiere hochallergisch, wenn ein müder Kollege zur Kaffeemaschine schlurft und gedankenlos nach irgendeinem (!) Becher greift. In solchen Momenten schnappt er sich natürlich meine – Murphys Gesetz. Ignorant! Dabei wird der Egomane mit Sicherheit einen eigenen Kaffeebecher besitzen, der ihm in dem Augenblick entweder nicht zusagt oder der hinter einem knappen Dutzend weiterer Kaffeebecher versteckt scheint. Trinkt er davon, gleicht das einem Schlag ins Gesicht. Als ob er absichtlich die Höhe meines Drehstuhls verstellt und dabei einen fahren lässt. Eine bodenlose Provokation, die im Grunde aussagt: »Ich trinke aus deinem Kaffeebecher, was willst du dagegen machen, hm?« Ich wüsste schon, was ich in so einer Situation am liebsten tun würde, doch das würde in einer Blutlache und der Anschaffung eines neuen Bechers enden.

Vermessende Trinkgefäße

Mit einem Büro-Kaffeebecher markieren wir unser Revier. Vögel begrenzen es akustisch via Gesang, Hunde durch Erleichterung der Blase und wir Menschen mit dem Abstellen unseres Kaffeebechers. Hier trinke ich, hier bin ich König. Ein Stück Persönlichkeit, welches wir mit Getränken füllen. Es stellt sich die Frage, inwiefern ein Stück geformte Keramik unseren Charakter repräsentiert. Manche sind mit dem jeweiligen Sternzeichen bedruckt, andere mit unseren Wünschen und Träumen, wie zum Beispiel die Existenz von Einhörnern. Sind wir im Urlaub oder krankgeschrieben, so bleibt ein Stück unserer Seele im Büro – hält die Stellung und zeigt den Kollegen permanent brb an. Ein Arbeitsleben ohne Trinkbecher scheint möglich, aber sinnlos. Bietet er uns doch die Möglichkeit, den tristen Arbeitsplatz temporär zu verlassen, um ein Schwätzchen an der Kaffeemaschine zu halten. Selbst mit unbeliebten Kollegen! Man schaut sich gegenseitig auf die Becher und stellt den ewigen Vergleich an. Wie das so ist, im harten Berufsleben. Messen, Messen, Messen. Letztens dachte ich erst: sein Kaffeebecher ist hässlicher, kleiner und vor allem extrem unpassend. Erst schlürfe ich lautstark, dann grinse ich Kollege Vollidiot an. Er bleibt sprachlos, wie ein leeres Blatt Papier. Seine Tasse tut es ihm gleich: Hier könnte Ihr Text stehen. Da war ich wohl schneller, Kollege!