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Noch mal mit weniger Gefühl

Beitragsbild: Noch mal mit weniger Gefühl

Einfache Frage, komplizierte Antwort. Was Robotern gewiss nie gelingen wird, haben wir perfektioniert: aus einer Mücke einen emotionalen Elefanten machen.

Letztens auf der Arbeit öffnete ich den Kühlschrank und musste feststellen, dass jemand meinen Pudding gegessen hatte. MEINEN PUDDING. Es entflammte eine ungesunde Mischung aus Hysterie, Versagensangst und Mordlust in mir, die ich nur schwer unterdrücken konnte. Diesen Nierenschlag gegen mein Puddingverlangen konnte ich nicht an mir abprallen lassen. Kam eh nur ein Verdächtiger in Frage, und zwar Holger. Der ist so abgewichst, dass der auch hemmungslos Kugelschreiber klaut und anfallenden Müll nicht trennt. Drum stiefelte ich zu seinem chaotischen Schreibtisch, baute mich auf und sprach mit drohender Stimme: »HOLGER! Haben Sie meinen Pudding gegssen?« Seine Antwort widerte mich an: »Ich hatte heute erst eine Pampelmuse und deshalb Hunger!«

Mit Emotionen alles weg reden

Frechheit. Mich erzürnt nicht nur seine Unfähigkeit hinsichtlich der Beantwortung meiner simplen Frage, sondern auch seine eigens inszenierte Opferrolle. Mich interessieren nicht seine Sorgen, Ängste oder Emotionen – zumindest was meinen Pudding angeht! Ich gab Holger eine einfache Vorlage, die er aber nutzte, um das Problem zu verschleiern und sich selbst in den Vordergrund zu spielen. Sein Verhalten ist leider mittlerweile allgegenwärtig. Leute, die Anforderungen, Krisen und Entscheidungen mit Emotionen wegreden möchte. Wenn man zum Beispiel durch seine (unterlassene) Handlung jemanden verletzt, doch statt entschuldigenden, einsichtigen Worten sich lieber mit »Ich hatte eine schwere Kindheit« aus der Affäre zieht.

Anderes Beispiel: Auf die Frage »Wann bist du heute Abend da?« wird mit »Habe Stress, Burnout und Kinder, außerdem soll es regnen« gekontert. Es scheint, als koste selbst eine Antwort wie »Weiß ich nicht« zu viel Überwindung, da man ja wie ein totaler Volltrottel wirken könnte. Um das zu vermeiden, bringt man alle möglichen Faktoren ins Spiel, welche die Schuld bzw. Verantwortung von einem abwälzen. Keine Ahnung, ob das Internet diesen Impuls verstärkte, indem es uns zeigte, dass deftige Kommentare, Bilder und Videos entweder ohne Folgen bleiben oder aber einen Shitstorm ohne Gleichen bedeuten können. Wer will dafür am Ende schon für seine Taten gerade stehen?

Nicht nur in der Politik beliebt: Verschleierungstaktik

Durch das Einbringen von Emotionen und persönlichen Erfahrungen entsteht eine wirre Verschleierungstaktik, welche die ursprüngliche Frage oder Absicht verwässert. Spinnen wir das Beispiel vom Beginn (Holger und der verlorene Pudding) mal weiter, indem sich andere einmischen:

Ich, rasend vor Wut: Holger, haben Sie meinen Pudding gegessen?
Holger, defensiv: Ich hatte heute erst eine Pampelmuse und deshalb Hunger!
Ich, versöhnlich: Das tut mir leid, aber sie hätten ja fragen können.
Meike, empathisch: Der Chef macht heute Druck, da braucht man schon mal was für den kleinen Hunger.
Holger, triumphierend: Richtig! Er hat mich sowieso auf den Kieker. Eigentlich die ganze Abteilung.
Sven, albern: Wir sollten eine Beschwerde bei der Gewerkschaft einreichen.
Meike, einsichtig: Immer eine gute Methode, die helfen auch bei Mobbing.
Ich, dem Wahnsinn nahe: Dann kann ich ja Kollege Holger wegen Pudding-Klau melden. Mobbing pur!
Sven, spottend: Nun halten Sie mal den Ball flach. Meike, wurden Sie diskriminiert?
Meike, den Tränen nahe: Es war keine leichte Zeit. Deshalb fühle ich mit Holger.
Holger, absurd: Danke, Meike. Ohnehin dachte ich an einen Jobswechsel, weil die Belastung mir schwer zu schaffen macht.
Ich, destruktiv: Wie wäre es mit der Puddingabteilung? Da dürfen Sie aber auch nicht den alles weg mampfen, Sie Dieb.
Meike verlässt kreischend den Raum, Sven holt sein Handy raus, um die Szene zu filmen und der Chef stürmt aus seinem Büro
Chef, aggressiv: Habe ich hier gerade die Worte Pudding und Gewerkschaft gehört?
Ich, überfordert: Chef! Pudding! Holger!
Sven, beschwichtigend: Alles gut, Chef. Holger hat heute nur einen schweren Tag.
Holger, einem Schwächeanfall nahe: Ich fühle mich nicht so gut, ich sollte noch was essen.
Chef, Machtwort sprechend: Hier, nehmen Sie meinen Pudding. Und Sie (auf mich zeigend) hören auf, Meike zu mobben!

Photo credit: La Tête Krançien on VisualHunt.com / CC BY-NC-ND


Letzte Bearbeitung war am 28.07.2018

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