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Ruhrgebiet – Heimat der Gescheiterten

Ruhrgebiet - Tief im Westen, Heimat der Depression

Das Ruhrgebiet – wo die Depression zu Hause ist. Steckt doch noch ein wenig Glanz unter dem Ranz, Schmutz und ewigen Grau? Ein Lobgesang auf den Geburtsort des Scheiterns.

Tief im Westen geht ja bekanntlich die Sonne unter. Fraglich ist jedoch, ob sie je im Ruhrgebiet zu sehen war. In keinem anderen Gebiet Deutschlands liegt die Zahl der an Depression erkrankten Bürger höher als im Pott. Grau, schmutzig und überfüllt ist das inoffizielle 17. Bundesland, welches in nicht allzu ferner Zukunft vielleicht per Solidaritätszuschlag auch mit italienischem Marmor gepflastert wird. Der Hort der ewigen Sitzenbleiber und Trauerklöße. Das längst leergeräumte Grubenloch. Die stets gescheiterte Konkurrenz zu Berlin, die sogar in Sachen Currywurst nicht mit der Hauptstadt mithalten kann. Wo der Schmerz noch zählt. Willkommen im Ruhrgebiet.

Glückauf im Ruhrgebiet? Am Arsch

Pendler kennen das Bild. An den Bahnhöfen des Ruhrgebiets sieht man zuhauf in graue Gesichter, die Bände sprechen. Man sieht das natürliche Leid, den mitgereisten Frust. Braune Pampe, die als Kaffee in absurden Pappbechern verkauft werden, bieten den Treibstoff für die genervte und aufgescheuchte Meute. Diejenigen, die ihren Job schon vor Monaten verloren haben, tauschten ihre Becher gegen Bierdosen. Sie müssen niemanden mehr was beweisen oder um irgendetwas kämpfen. Sie haben den Kampf gegen den grauen Moloch schon vor langem verloren und warten nur ihre Zeit ab. Längst berichteten die Medien schon über das Phänomen der weit verbreiteten Depression im Ruhrgebiet. Während Krankenkassen einen Depressionsatlas für den Rest Deutschlands verbreiten, wissen das die Bewohner des Potts schon lange Bescheid. Das Fernsehen wagte sich einen Schritt weiter und stellte die Frage »Macht das Ruhrgebiet depressiv?« – in einem Beitrag kamen auch einige Bürger zu Wort, die kaum ein gutes Haar an Randerscheinungen wie Hagen lassen. Mittlerweile geht es sogar so weit, dass sich einige Ruhrgebietler ihre Geburtsorte aus den Bewerbungsschreiben streichen lassen.

Wie Hohn wirkt da der ehemalige Bergarbeitergruß »Glückauf« (bedeutet in etwa: es mögen sich Erzgänge auftun); statt neuer Wege und Möglichkeiten ergeben sich höchstens neue Schlaglöcher, durch die man sich den Hals bricht. Sogar der TV-Dauerbrenner »Tatort« hat versucht, die allgegenwärtige Stimmung innerhalb des Ruhrgebiets anhand der Kommissare festzuhalten. Während Schimanski damals noch recht charismatisch durch Duisburg polterte, reicht es heute nur noch für ein Dortmunder Quartett ebenso gescheiterter Existenzen, die mehr mit ihren persönlichen Dramen denn mit Mordfällen zu tun haben.

Ruhrpott – wie Phönix aus der Asche

Zwar sind alle Zechen dicht, doch der Pott gibt sich nicht so schnell geschlagen. Auch wenn die Bevölkerung sich gegenseitig auf die Füße tritt und am liebsten gegenseitig abmurksen würden, möchte man noch an den Silberstreif am Horizont glauben. So findet sich in nahezu jeder Stadt des Ruhrgebiets eine Kopie ein- und desselben Einkaufszentrums. Dienstleistungen statt Kohleabbau! Zwar haben die Bürger keine Kohle – im Sinne von Geld – aber das hält die Städtebauer kaum ab. Dazu werden noch Events wie »Extraschicht« beigesteuert, die einen Flair von Industrieromantik versprühen sollen.

Darüber hinaus sollen dank kreativer Köpfe die Löcher in den Haushaltskassen mit kulturellen und künstlerischen Aktionen gestopft werden, denn diese kosten bekanntlich wenig Geld und sind immer Geschmackssache. Die leer stehenden Geschäfte, die den Einkaufzentren nicht mehr Paroli bieten konnten, werden nun mit Ausstellungen junger Kunststudenten warm gehalten.

Dazu gibt es noch ironische (?) Kommentare zum Dilemma des Ruhrgebiets. »Die Bandbreite« lieferte mit dem Song »Dat is Duisburg« einen bissigen Abriss zur Ruhrpott-Metropole gleichen Namens. Der großartige Frank Goosen setzte mit dem Buch »A40: Geschichten von hier« dem Pott ein Denkmal. Und Jürgen Becker bezeichnete die Weseler Straße, die durch Duisburg Marxloh führt, als die »romantischste Straße Europas« – weil es dort so viele Brautmodengeschäfte gibt wie nirgendswo sonst.

Der Rest ist Warten. Sei es mit dem Kaffeebecher oder der Bierdose in der Hand, bevor das Ruhrgebiet im neuen Glanz erstrahlt. Ob der Soli kommt oder nicht, wird sich zeigen. Vielleicht gehört das Scheitern genauso zum Revier wie die Industrieruinen, die Sprache (»Ey, hömma!«), die Primark-Papiertüten, die Fußball-Hooligans, das abgestandene Bier und natürlich der vertonte Pulsschlag aus Stahl. Denn nach wie vor – wer wohnt schon in Düsseldorf?


Photo: 4SQcampV2 by Simon Bierwald, CC 2.0


Letzte Bearbeitung war am 17.01.2019

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