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Dinge, die ich nicht verstehe: Unboxing Was soll an gefilmter Müllproduktion so spannend sein?

Beitragsbild: Dinge, die ich nicht verstehe: Unboxing

Bislang konnte ich nichts mit dem Internetphänomen Unboxing anfangen. Was soll Spaß daran machen, anderen beim Auspacken zuzuschauen?

Unboxing? Was soll das sein? Allen Unwissenden möchte ich kurz erklären, was es bedeutet. So werden Online-Videos bezeichnet, in denen einzelne Produkte ihrer Verpackung entnommen und vorgestellt werden. Sprich, man kauft sich beispielsweise ein Smartphone und filmt, wie man es auspackt – begleitet von mehr oder weniger hilfreichen Kommentaren wie »Ein Aufladekabel, wie cool ist das denn!?«

Unboxing – Unauffällig verpacktes Déjà-vu

Wie der Titel dieses Beitrags schon lautet: ich verstehe es nicht. Welche teuflische Marketingagentur hat sich diesen Trend innerhalb der Netzkultur (»Neuland«) ausgedacht? Wie man längst verblasste Momente unserer Kindheit wiederbelebt, als wir noch raschelnd mit Geschenkpapier unterm Tannenbaum durchdrehten. Oder die Vorfreude und das Auspacken noch mehr in uns bewegte, als der eigentliche Inhalt der Box. Kombiniert mit dem durch Helicopter-Eltern indoktrinierten »Es-geht-nur-um-DICH« Lifestyle und dem Drang nach Aufmerksamkeit jüngerer Generationen ist es ein Kinderspiel, es für kommerzielle Zwecke zu nutzen.

Dass ein Unboxing-Video den jeweiligen Firmen hilft, brauche ich an dieser Stelle nicht erläutern. Es ist die bessere Werbung: authentisch und nicht von einer austauschbaren »Zahnarztfrau« angepriesen, sondern von einer Person, mit der wir uns identifizieren können. Längst haben die Unternehmen gerafft, dass sogenannte »Influencer« erfolgreich neue Kunden erreichen. Den Rest besorgt unser durch die sozialen Medien verstärkte Narzissmus und die Werbemaschine läuft wie geschmiert. Freiwillig und ohne Druck, basierend auf unseren versprochenen »15 Minuten Ruhm«.

Zeige Fremden, was Du Dir leisten kannst

Nun schaute ich mir aus Neugierde und Vorbereitung auf diesen Artikel einige Unboxing-Videos an. Der Ablauf ist recht ähnlich: es wird eine Verpackung (Karton, Box, etc.) gezeigt und eine Person beschreibt das Erscheinungsbild. Meist handelt es sich dabei um technische Geräte wie Smartphones oder Spielekonsolen. Das ist nicht zu verwechseln mit geistesverwandten »Haul-Videos«, in denen Kosmetikartikel, Pflegeprodukte, Kleidung und Accessoires vorgestellt werden. Zurück zur Vorstellung des Kartons: interessiert das wirklich jemanden, was auf der Verpackung steht? Schließlich wird man vor dem Kauf bereits alle technischen Details gegoogelt haben. Die meisten werden eh zu der Stelle vorspulen, in der das Gerät gezeigt und in Betrieb genommen wird. Und da wird auch das größte Problem dieser Unboxing-Videos deutlich: sie sind sinnlos und todlangweilig.

Unboxing kann spannend sein – aber nur für die Person, die auspackt. Der Rest winkt gelangweilt ab und klickt lieber auf aussagekräftigere Erfahrungsberichte. Keine quälend langen Erläuterungen, welche Details die Verpackung aufzuweisen hat und ob auch genug Styropor verwendet wurde.

Wie ich Unboxing-Videos machen würde

Mich lockt ein wenig ein Gedanke, selbst so ein Unboxing-Video zu drehen. Als Produkt würde ich wahrscheinlich ein Billy-Regal, einen Bierkasten oder eine Matrjoschka vorstellen. Schön mit ruhiger gedämpfter Stimme jedes einzelne Detail des Ikea-Kartons beschreiben und zusätzlich versuchen, jede einzelne mitgelieferte Schraube gebührend zu feiern. Besonders spannend dürfte der Part des Zusammenbaus werden, da ich natürlich jeden Schritt so ausführlich wie möglich darstellen würde. Die Beschreibung des Bierkastens dürfte – obviously – etwas länger dauern, da keine Geschmacksnuance ausgelassen werden darf.

Mein persönliches Highlight wäre die Matrjoschka, jene russischen Puppen, die man ineinander versteckt. Ein Unboxing mit Wiedererkennungseffekt! Aber da ich mich ungern zu Werbezwecken zum Vollidioten mache, wird es nicht dazu kommen. Anders sieht es privat aus. Wer mich einmal dabei erlebt hat, wie ich einem tasmanischen Teufel gleich ein Weihnachtsgeschenk aufreiße, wird wissen, was ich meine.


Letzte Bearbeitung war am 17.08.2017

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