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Abgespritzt im Word Wide Web

Beitragsbild: Abgespritzt im Word Wide Web

Seit dem es das Internet gibt spielt die Welt verrückt. Shitstorms und Cybermobbing sind an der Tagesordung. Private Pornofilmchen tauchen im Netz auf. So etwas gab es früher nicht. Warum es einfach mehr Spaß macht wenn jemand zuguckt, wird in diesem Artikel behandelt.

Ganz normale menschliche Neigungen

Jeder kennt das. Man ist unterwegs und plötzlich überwältigt einen das Bedürfnis nach einer leeren Blase. Da es Stunden dauern würde die heimische Toilette aufzusuchen, entschließt man sich ein öffentliches Pendent zu benutzen, ein sogenanntes Scheißhaus. Ganz egal ob im DM oder McDonald’s, in der Uni, im Büro oder das Dixi-Klo auf einem Festival, eines haben sie alle gemein, sie sind dreckig und man fürchtet eine Infektion, wenn man nur die Griffe der Türen berührt. Und noch etwas kann einem auf jedem Klosett der Welt zustoßen: blöde Sprüche, Schmierereien mit Edding, Telefonnummern, groteske Graffiti und zotige Bilder.

Der Preis der Anonymität

Warum gibt es auf öffentlichen Toiletten dieses ganze Gekritzel? Warum gab es daheim auf Muttis Toilette nie solche Schmierereien?

Das ist ganz einfach zu erklären. Mutti wusste genau wer ihr stilles Örtchen aufsuchte. Wer dort einen blöden Spruch mit Edding hin gekritzelt hätte, wäre sofort an den Ohren herbei gezogen worden und hätte eine Woche die Toilette schrubben müssen – mit einer Zahnbürste!

Bei öffentlichen Toiletten ist das anders. Keiner fühlt sich dafür verantwortlich. Wenn man dort einen blöden Spruch liest erkundigt man sich nicht, wer vor einem die Toilette benutzt hat und stellt die Person dann zur Rede, ob sie diesen Geistesblitz an die Tür manifestiert hat.

Das Word Wide Web

Im Internet ist das ähnlich. Wir kennen den Idioten nicht, der bei Youtube in Echtzeit einen Kommentar unter ein Video postet. Wir wissen nicht wer uns da gerade bei Twitter folgt. Auch die peinlichen Bilder bei Snapchat können wir keiner uns bekannten Person zuordnen. Scheiß drauf, wenn die Person uns kennen würde, würde sie uns wahrscheinlich gar nicht belästigen. Sie hofft jedoch, dass sie anonym ist und deshalb geht sie in die Vollen.

Das hat immense Vorteile: Auch wir können der Idiot sein, der über die Stränge schlägt. Im Internet kann jeder ein Held sein, ein Pornostar oder ein Kabarettist. Man ist in der Masse faktisch anonym und kann diese Freiheit voll ausschlachten. Extreme Kommentare, die man keinem Freund an den Kopf werfen würde, weil man sonst für alle Zeit unten durch wäre. Anrüchige Bilder, die nicht einmal dem Partner geteilt werden, weil sie viel zu peinlich sind. Memes, die sich keiner gehäkelt ins Wohnzimmer hängen würde, die aber gerade gut genug sind um die Reichweite im Web zu maximieren.

Wer darauf allerdings keinen Bock hat kann, sich immer noch ein Old-School-Buch schnappen und alle elektronischen Geräte auf Standby setzen. Das Internet zwingt ja keinen es vollzuschmieren, es bietet es einfach nur an.


Letzte Bearbeitung war am 02.06.2018
Kategorie: Freizeit

von

Benjamin Bäder ist dem Chaos nicht gänzlich abgeneigt, doch hofft er auch stets auf die autopoietische Selbstorganisation von Kommunikationssystemen, die dann eigenständig entscheiden können ob sie befremdlich, humorvoll oder was auch immer sein möchten.

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