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Erst die Übergangsjacke, dann das Vergnügen

Beitragsbild: Erst die Übergangsjacke, dann das Vergnügen

Eine Übergangsjacke ist ein Thema, über das endlich mal geredet werden muss. Weltweit einmalig wie Schnapsidee, Fingerspitzengefühl und Zeitgeist.

Es wird ja gerade gerne über »Deutschsein« auf vielen Ebenen diskutiert. Gibt es eine deutsche Kultur? Was ist typisch deutsch? Dabei könnte man die Fragen einfach beantworten, indem man schlicht und einfach auf »Kartoffelsalat« verweist. Typischer geht es kaum. Sollte trotz einer satten Portion der traditionsreichen Gurken-Mayo-Kartoffelpampe weiterhin Redebedarf bestehen, könnte man unsere eigenwilligen Sprachschätze schmackhaft machen. Allen voran die sogenannte »Übergangsjacke«, die wie kein anderes Kleidungsstück die Befindlichkeit eines Deutschen darstellt. Dem ewigen Wunsch nach Sicherheit; nach einem Dasein ohne Überraschungen, zu dem im Takt geklatscht werden kann. Übergangsjacken werden theoretisch getragen, wenn es für einen Fakefellkragen-Parka zu warm und für »Oben ohne« zu kühl ist. Ein Kleidungsstück, in welchem laut Zeit.de manche Männer praktisch ihr ganzes Leben verbringen. Nichts Halbes und nichts Ganzes. Ein »Ja, aber…« zum Anziehen.

Ein Leben, eine Übergangsjacke

Deutsche beschweren sich häufig und gerne – auch wenn es keine tatsächlichen Anlässe gibt. Wenn man nicht über das Wetter meckern kann, dann sind es eben die Nachbarn oder Hundeköttel auf einer Wiese. Wir bleiben selbst nachts um zwei an roten Ampeln stehen und werden nervös, wenn im leeren Kinosaal irgendein Halunke die reservierten Plätze eingenommen hat. Eine Übergangsjacke soll vor den schwierigen Fragestellungen des Alltags schützen und das wohlige Gefühl von Sicherheit simulieren. Ob es regnet oder schneit bzw. scheint: Scheißegal, Übergangsjacke. Als ob man sich trotz einer Haftpflicht-, Berufsunfähigkeits-, Reiserücktritt-, Rechtsschutz- und Lebensversicherung immer noch nicht genug abgesichert fühlt und über eine kugelsichere Weste nachdenkt, stattdessen aber die Jacke für »Übergänge« bestellt.

Wörter, die es nirgendwo sonst gibt

Sind wir einfach schräger drauf als andere Nationen? Andere Länder würden bestimmt nie auf die Idee kommen, solch alberne Namen zu vergeben. In der deutschen Sprache gibt es weitere einzigartige Bezeichnungen, die uns wie vollkommene Freaks wirken lassen. Vielleicht gibt es diese Zustände auch nur, weil wir Deutschen ein Wort dafür erfunden haben. Stichwort »Schadenfreude«. Wenn einer brutal auf die Fresse fällt, lachen Sadisten sich schadenfroh ins Fäustchen. Scheitert niemand vor unseren Augen, stürzen wir in ein Jammertal und geben uns dem »Weltschmerz« hin. Frei nach dem Motto »Gibt es noch Gutes auf der Welt – abgesehen von uns?« Wenn bei solchem Katzenjammer nicht einmal mehr realitätsferne Schlagermusik hilft, packt uns das »Fernweh«. Der Wunsch, die Flucht zu ergreifen, sich stundenlang am Flughafen abtasten zu lassen und auf Malle alle guten Sitten zu vergessen.

Fließende Übergänge

Für viele schlimme Zustände haben wir eine mehr oder weniger passende Umschreibung. Fraßen wir zu viel, weil so ziemlich alles scheiße ist: »Kummerspeck«. Sind wir zu faul und lassen die wichtige Dinge liegen: »innerer Schweinehund«. Verhält sich jemand in unserem Umfeld extrem peinlich: »Fremdschämen«. Sind wir mit 40 immer noch allein: »Torschlusspanik«. Fällt es euch auf? Die Wörter sind ja schön und gut, aber sie umschreiben mit blumigen Worten häufig Negatives. Es drängt sich der Verdacht auf, dass wir eine Nation von Nörglern, Klugscheißern und Querulanten darstellen, was sich natürlich auch in unserer Sprache niederschlägt. Lieber ein Wort wie »Übergangsjacke« erfinden, anstatt etwas im Sinne von »lais­sez faire, lais­sez pas­ser« einfach laufen zu lassen. Hauptsache, das Label stimmt.

Wobei … es gibt auch ein paar wenige Ausnahmen wie den »Brückentag«. Wenn ein Wochenende strategisch verlängert werden kann, erfreut das deutsche Arbeitnehmer so sehr, dass sie sich einen Tag zuvor in Scharen zum Feiern in Supermärkten versammeln. Wahrscheinlich um die Zutaten für den nächsten Kartoffelsalat zu besorgen.

Photo credit: nila_sivatheesan on Visualhunt / CC BY-NC


Letzte Bearbeitung war am 16.08.2018
Kategorie: Freizeit

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Notorischer Schwarzmaler und Weltmeister im »Böse gucken«. Geboren am Niederrhein, verdorben durch den Rest der Welt. Mag Pandas, verabscheut Pendeln. Lieblingswort 2018: lmaoborghini. Kontakt: Facebook, Twitter, Google+ oder Email.

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