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Ein Bildschirm ist auch nur ein Spiegel Wie innere Monologe zu mehr Empörung, Intoleranz und Zorn führen können

Beitragsbild: Ein Bildschirm ist auch nur ein Spiegel

Gespräche über das Netz sind häufig nur Selbstgespräche. Und wir alle wissen, dass solche Monologe selten gute Antworten auf brennende Fragen liefern.

Manchmal verängstige ich mich selbst. Besonders, wenn ich wütend Gegenstände anschreie oder mit irrem Blick drohe, dass es »gleich 13« schlägt. In solchen Momenten führe ich Selbstgespräche. Jene Monologe, die mich zeitweise in eine hochgefährliche XXL-Fassung eines tasmanischen Teufels verwandeln. Brüllkabarettist Gernot Hassknecht ist dagegen so harmlos wie Welpe; seine Wut steht in keiner Konkurrenz zu meiner brodelnden Weißglut. Erst neulich gab es meinerseits erneut einen Ausraster. Der Grund? Zwei Worte: Deutsche Bahn. Dummerweise fiel erwartungsgemäß mein Zug aus, was verständlicherweise für reichlich Frust und knirschende Zähne sorgte.

Anstatt mich damit abzufinden nahm ich lieber mein Smartphone zur Hand, um meine Rage in Worte zu fassen. Worte, die ich dank einer flotten Internetverbindung ohne Umschweife an andere Personen weiterleiten konnte. Das bot mir einige Vorteile. Zum einen war ich mit meinem Unglück nicht mehr alleine und hatte die Chance auf eine Portion Mitleid. Zum Anderen konnte ich wunderbar Dampf ablassen und mein Smartphone mit vulgären Wörtern füttern, die in Zukunft Probleme bereiten könnten (Stichwort Autokorrektur).

Reine Selbstgespräche via Messenger

Das Beispiel mit dem Transport können sicherlich viele nachvollziehen, aber auch sonst sind üble Zeiten angesagt. Überall nur Hass, Intoleranz und Empörung. Die Wutbürger und klickgeilen Medien- und Meinungsmacher haben Hate-Speech für salonfähig erklärt, während der Rest der Welt versucht, brauchbare Gegenmaßnahmen zu entwickeln. Wie so oft könnte man bei sich selbst anfangen. Ich wage zu behaupten, dass die dämlichsten Ideen und Fehlinterpretationen in Selbstgesprächen bzw. inneren Monologen entstehen und bei konsequenter Fortführung zum Problem werden. Chats via Whatsapp und sonstigen Messengern sind streng genommen reine Selbstgespräche, da logischerweise keine direkten Ansprechpartner vorhanden sind. Das bereitet dem Sender womöglich erhebliche Probleme, Inhalte angemessen zu verpacken und endet meist mit einem Wurf gegen die Wand.

Da bei reiner Internetkommunikation bislang auf Mimik, Gestik oder gar Rhetorik verzichtet werden muss, können beim Empfänger nicht nur Fehlinterpretationen und Missdeutungen entstehen, sondern auch eine Blockade beim Absender. Anhand des Beispiels mit der doofen Zugverspätung lässt sich behaupten, dass meine geballte Wut keinen Abnehmer mit einer direkten Reaktion fand und wie ein Ping Pong Ball solange zwischen mir und dem Bildschirm des Smartphone hin und her schoss, bis sich ein Kontakt erbarmte, einen traurigen Smiley zu schicken. Der Wutball wuchs in dieser Phase gewaltig an und hätte unseren blauen Planeten bei anhaltender Missachtung wie ein Asteroid platt gemacht.

Andere Menschen haben auch eine Meinung

Selbstgespräche haben nicht selten die Tendenz, dass Fragen angesprochen werden, die ohnehin nicht geklärt werden können. Hätte ich dies und das anders machen sollen? Bin ich gut genug? Kann man ausschließlich von Nutella leben? Vielleicht sind so manche über Chats oder Kommentarspalten geführte Konversationen über das Netz ebenso unbefriedigend und bringen unsere Raserei erst auf Touren. Den müden Vorschlag für mehr Love, Peace und Happiness das olle Smartphone öfter mal aus der Hand zu legen, kann ich mir sicherlich sparen. Aber ich würde mir wünschen, dass der nächste Wutanfall nicht mehr nicht vor einem Bildschirm abgehalten wird, sondern in Beisein anderer Personen. Eine direkte Reaktion löst möglicherweise eine gesunde Form von Scham aus, welche die Weißglut im Kern ersticken könnte. Oder in anderen Worten: macht endlich wieder mehr Sitzkreise, damit so mancher Teilnehmer direkt merkt, was für eine Scheiße er erzählt.

Gefällt ein Kommentar auf Facebook oder einer Whatsapp-Gruppe nicht, so wird er meist ignoriert oder gar toleriert. Manchmal wird er still und heimlich blockiert oder im besten Fall entfolgt/gelöscht/gemeldet. In einem Sitzkreis wäre das natürlich nicht so einfach. Also würde selbst ich als gefrusteter Pendler nicht mehr wie ein vollkommen Wahnsinniger wilde Flüche in den Raum werfen oder Hate-Speech (»Verfickte Arschlochbahn! Macht das doch mit Absicht! Unfähiges Pack!«) betreiben, sondern anhand des Umfelds direkt merken, ob ich über die Stränge schlage und stattdessen verkünden: »Gestern musste ich leider auch warten, schade«. Mit meinem Spiegelbild hätte ich gewiss ganz anders geredet, so viel ist sicher. Und würde bis heute auf beruhigende Worte warten.

Photo credit: rafiq s on VisualHunt.com / CC BY-ND


Letzte Bearbeitung war am 14.08.2018

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