Freizeit
Schreibe einen Kommentar

Schon mal was von Atmosphäre gehört? Wenn man zum Fotografieren in die Kneipe geht

Beitragsbild: Schon mal was von Atmosphäre gehört?

Vermisst ihr auch das »Urige« an Kneipen/Cafés? Es wird immer heller, offener und transparenter. Atmosphäre wird zum Auslaufmodell. But … We want it darker!

Hemingway sagte: Ein intelligenter Mensch muss sich manchmal betrinken um Zeit mit Deppen zu verbringen. Ich ergänze: Manche müssen sich betrinken, um auch mal sexy zu sein. Denke ich an wilde Abende in diversen Spelunken zurück, gab es nur zwei Möglichkeiten. Entweder trinkt man den Rest der Welt schön oder nutzt den schwachen Schein des Kneipenlichts. Das war noch Atmosphäre! Selbst die widerlichste Pickelfresse wurde zum mysteriösen und verruchten Objekt der Begierde. Selbst wenn der Rest des Schuppens bei Daft Punk abspackte, konnte man trotz motorischer Einschränkungen selbst am Tresen noch geil aussehen. Danke, Kneipenbeleuchtung! Ohne Dich wäre ich heute noch Jungfrau. Und wie ist das Ausgehen heute? Wie auf dem OP-Tisch. Alles gnadenlos ausgeleuchtet und transparent. Wer hat bloß das Licht angemacht?

Urige Atmosphäre als Auslaufmodell

Urig. Dieses Wort beschreibt recht gut den Zustand, der derzeit in Kneipen- und Restaurantlandschaften vermisst wird. Urig sagen auch Hipster und Tinderellas, die zum ersten Mal aus ihren Gentrifizierungsorten ausbrechen und eine stinknormale Eckkneipe in Wanne-Eickel besuchen. Urig sind wohl auch die typischen Irish-Pubs, die Haus an Haus in Szeneviertel zu finden sind. Sollte man sich im Halbdunkel betrinken wollen und dabei lustige Limericks wie »Limericks I cannot compose … with noxious smells in my nose.« singen möchte, ist dort noch am ehesten aufgehoben. Der Rest muss für ein soziales Abhängen nach der Arbeit in diesen lichtdurchfluteten Szene-Kneipen treffen, die mit »urig« rein gar nichts am Kopf haben. Sie heißen »Bier-Manufaktur« oder »Vintage« und sind hell ausgeleuchtet, damit man auch sein Essen und Trinken fotografieren kann.

Moderne Kneipen sind nicht sexy

Solche Schuppen sind nicht sexy. Sie sind von der Stange, kopieren sich gegenseitig und haben keinen Charakter. Sie glauben, dass ein lustiger Spruch auf diesen kreidebeschriebenen Aufstellern ausreichen wird. Drinnen ein paar Vintage-Möbel und Retro-Poster, sich also mit fremder Persönlichkeit schmücken und dabei vegane Burger und Basilikum-Kaffee anbieten. Atmosphäre gleich null. Ich möchte folgenden Vergleich aufstellen: wenn eine urige Kneipe sexy ist, dann ist so ein Szene-Schuppen ein billiger Porno. Bei Letzterem bleibt auch nichts verborgen und das Wesentliche wird mit vollem Einsatz in die Kamera gehalten. Vorstellungskraft? Kannste knicken. Hier zählt nur konsumieren und es hinter sich bringen. So sehe ich die Szene-Kneipen. Fressen, Fotografieren, Facebook.

We want it darker

Ein Fahrrad an der Wand wird keine gute Kneipenbeleuchtung ersetzen. Also ran an den Dimmer! Gebt uns die Möglichkeit, endlich wieder freizügiger zu werden. Wir wollen alle etwas interessanter, mysteriöser und somit aufregender sein. Betrachtet es wie einen typischen Tatort. Dort wird in der Regel der Täter auch erst am Ende gelüftet und die Zuschauer bis zum Showdown im Dunkeln gelassen. Im sogenannten Nachtleben sollten die Karten auch erst auf den Tisch, wenn das Licht angeht. Her mit der Atmosphäre! Der Rest kann sich ja zum magenschonenden Kaffee im Prenzlauer Berg verabreden und die Kaffeehäubchen ablichten.


Letzte Bearbeitung war am 26.06.2017

Kommentar verfassen