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Warten, bis alle weg sind

Beitragsbild: Kontaktangst: Warten, bis alle weg sind

Wir geben uns meist kontaktfreudig, offen und hilfsbereit. Aber wenn wir Nachbarn im Treppenhaus hören, warten wir so lange, bis die Luft rein ist. Auch ich fand mich in einer solchen Lage wieder und wartete … und wartete.

Geht das noch langsamer? Viel länger kann ich meine Luft nicht anhalten. Herr Hiebnagel schwabbt in Zeitlupe die Treppe hinunter, als ob er nie unten ankommen möchte. Als ob er einen unangenehmen Termin beim Finanzamt oder dem Urologen wahrnehmen muss. Ich hingegen presse mein Auge auf meinen Türspion und beobachte seinen Schneckengang. Gib alles, Hiebnagel! Sonst verende ich am seltsamsten Suizid aller Zeiten und komme zusätzlich zur spät zur Arbeit. Natürlich könnte ich auch einfach die Tür aufreißen, Hiebnagel sportlich auf den Treppenstufen überholen, um mich pünktlich in die nächste U-Bahn zu quetschen. Aber aber aber! Das kann ich nicht bringen. Nachher muss ich mit meinem Nachbarn reden.

Warten statt plauschen

Laut irgendeiner Schlagzeile kennt jede zweite Mieter seine Nachbarn nicht. Zwar sind mir einige Namen der Personen im Haus bekannt, aber was bedeutet schon kennen? Was weiß ich, was Frau Hupe gerne auf dem stillen Örtchen liest? Ob Familie Binsenstein jedes zweite Wochenende Mittelaltermärkte zwecks Met und Kinderschminken einplant? Ist mir wurscht. Auch wenn sie mir nichts getan haben, kann ich auf Unterredungen zwischen dem dritten und zweiten Stockwerk verzichten. Ich rechne immer mit dem Schlimmsten: einem lieblos dahin genuschelten »Guten Tag«.

Der Hiebnagel scheint sich derweil der Haustüre zu nähern, sein Geschnaufe ist kaum noch hörbar. Ich würde ja nun starten, aber dummerweise muss ausgerechnet um diese Zeit die olle Frau Gurkowksi die unverschämt hässliche Patsy ausführen – zumindest nach meinem Zeitplan. Ja, ich habe eine kleine anschauliche Tabelle mit den jeweiligen Flurzeiten angefertigt. Übertrieben? Womöglich. Jedenfalls müsste die französische Bulldogge mit dem bescheuerten Namen in wenigen Augenblicken hörbar durch das Treppenhaus hecheln. Kurz darauf dürfte der mysteriöse Nachbar vom obersten Stockwerk von der Arbeit kommen. Ich überlege kurz, ob ich aus dem Fenster klettern soll.

Stufenweise Nervenkitzel

Meine U-Bahn ist weg. Wenn nun auch noch der Paketzusteller seine tägliche Ladung Plunder in unserem Haus abgeben will, bin ich meinen Job auch los. Warum kann das faule Pack nicht in der Gegend einkaufen gehen? Support your local scene, verdammt nochmal. Ich möchte doch nur unbehelligt durch den Flur und auf die Straße. Leider fehlen mir realistische Alternativen. Ich könnte einen Feueralarm auslösen und mich von der Feuerwehr via Leiter »retten« lassen. Oder ich renne einfach los und hoffe, dass ich so allen Nachbarn entwische. Stattdessen mache ich das Gegenteil: ich ziehe meine Schuhe aus, öffne die Wohnungstüre und schleiche langsam los.

Mein Puls rast, die folgenden Minuten sind ein nervenaufreibender Drahtseilakt. Schritt für Schritt steige ich auf Socken die Treppe hinab und hoffe, dass mich weder jemand sieht noch hört. Nur noch wenige Stufen! Ich erkenne bereits die Haustüre! Das Licht, die Freiheit! Doch was zum Teufel? Ich sehe Nachbar Hiebnagel, wie er sich die Schuhe anzieht. Ich laufe geradewegs an ihm vorbei, als ob nichts wäre. Wir beide nuscheln demütig »Guten Tag« und hören, wie sich im Hintergrund weitere Türen öffnen.

Photo credit: Iwan Gabovitch on Visualhunt.com / CC BY


Letzte Bearbeitung war am 05.05.2018

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