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Wenn andere Leute deine Musik scheiße finden

Beitragsbild: Wenn andere Leute deine Musik scheiße finden

Danke, danke, danke! Ich kann Dir nicht genug danken, verehrter Erfinder des Kopfhörers. Ohne Dein Geschenk wäre die Welt ein ziemlich lauter, ein unerträglicher Ort. Nicht auszudenken, wenn ich mir jede Lärmbelästigung, die manche ernsthaft »Musik« nennen, antun müsste!

Eigentlich wollte ich Robert loben. Dufter Kerl! Ruhige Erscheinung, gibt ab und zu eine Fassbrause aus, total vertrauenswürdig. Geht selbst mitten in der Nacht nie bei Rot über die Straße, ein Ehrenmann, ein Bro-Bert! Ich persönlich hätte Robert mein Facebook-Passwort anvertraut, meinen Erstgeborenen nach ihm benannt oder wenigstens seinen Namen als Tattoo getragen. Aber so sollte es nie kommen, da ich mich massiv in ihm täuschte. Dieser Mann hört frei von jeder Ironie Ed Sheeran. Ich wiederhole: ED SHEERAN.

Über Geschmack lässt sich (nicht) streiten

Konnte ja auch niemand ahnen, dass Robert einen so beschissenen Musikgeschmack hat. Spätestens als er mit den Worten drohte »Ich muss dir ein Lied vorspielen – das wirst du lieben!«, hätte ich ohne zu Zögern aufstehen und gehen sollen. Wegrennen, laut LALALALA trällern und dabei die Lauscher zuhalten. Stattdessen grinste ich verzweifelt und lauschte qualvoll irgendeinem Lärm seiner Playlist, die er »Get pumped« betitelte. Währenddessen fragte er, ob ich es auch »so geil« fände, als ob uns eine Zeitmaschine zurück in die 90er verfrachtet hätte. Resignierend nickte ich und schwieg weiter. Affengeil, dachte ich und … Get fucked, Robert.

Geteiltes Leid ist nicht immer halbes Leid

Klingt vielleicht übertrieben, aber gewiss ist die Situation nicht unbekannt. Ein Freund, Bekannter oder was auch immer textet »Hör mal rein! Könnte Dir auch gefallen« und schickt einen YouTube Link mit einem so furchtbaren Musiktitel, dass du dir am liebsten wie Van Gogh ein Ohr abschnibbeln würdest. Solche quälenden Vorschläge kann man ignorieren oder am besten direkt blockieren. Schlimmer ist es, wenn die Quälgeister in deiner Gegenwart ihr Handy zücken. Alleine das Scrollen in den Playlisten löst nervöses Augenzucken beim Opfer aus. Aus Höflichkeit sagt man direkt nach dem ersten Takten etwas Blödes wie »Ja, nich schlächt. Mussich späta nomma hörn« oder schweigt, bis das Schlimmste vorbei ist. Wie bei dem Beispiel von eben. Wieso überkommt uns der Drang, andere mit unserem Geschmack zu überzeugen?Anzustecken? Sind die Roberts dieser Welt erst happy, wenn alle seine Playlist teilen und Ed Sheeran summen?

Intime Geschmacksrichtungen

Vielleicht hätte ich mir bei Robert die Mühe machen sollen und ihn direkt nach seinen Lieblingsliedern fragen sollten – aber hey! Musik ist eine intime Angelegenheit. Die Plattensammlung meiner Jugend war geradezu heilig und nur jene Personen, die ich persönlich auserkoren (sprich eingeladen) habe, durften einen flüchtigen Blick drüber werfen. Nicht zu viele Fragen stellen, sondern einfach gut finden. Meine Platten von The Smiths und My Bloody Valentine machten mich stolz; gaben mir das Gefühl, der Vinyl-Halbgott mit einem unerschöpflichen Pool an Trivia zu sein. Wusstet ihr, dass Kurt Cobain zwar aus der High School geschmissen wurde, aber kurz darauf an derselben Schule als Hausmeister arbeitete? Egal. Aus Höflichkeit hat niemand über meine Scheiben gemeckert. Logisch, sonst hätte ich sie auch achtkantig raus geworfen.

Heute? Internet killed intimacy, sodass dir jeder Schelm seine Lieblingslieder ungebeten um die Ohren haut. Sei es online (Facebook, WhatsApp, Playlisten) oder offline (verflixte Bluetooth-Boxen). Niemand, ich wiederhole, NIEMAND fragte dich nach deinem derzeitigen Lieblingslied, unbekannter Facebook-Nutzer. Natürlich muss es niemand anklicken oder gar anhören, aber es droht alleine vom Lesen eine üble Ohrwurm-Gefahr. Ich sag nur »Barbie Girl«. Ist der Songtitel erst einmal gelesen, so startet das Autoplay in deinen grauen Zellen.

Köpfhörer und Musiktitel-Ping-Pong

Gesegnet sei der Erfinder des Kopfhörers! Anfang Juli 2019 feiert der mittlerweile ausgediente Walkman seinen 40. Geburtstag. Musik zum Mitnehmen, super! Doch das Beste: nur du selbst musst/kannst es hören. Was für wundervolle Zeiten. Da können Typen wie Robert zu sämtlichen Gassenhauern der Gruppe PUR im Takt klatschen und direkt im Anschluss zu den messerscharfen Beats des Wu-Tang Clans cruisen. Mir scheißegal, denn ich muss es ja nicht hören.

Abschließend möchte ich meine Wut auf Robert genauer erklären. Beim Lesen der oberen Zeilen könnte der empörte Leser sich fragen, warum mich das so aufregt. »Sag Bro-Bert doch einfach, dass er die Scheiße ausmachen soll, fertig!« Aber so einfach ist es nicht. Jedes Mal, wenn er mich mit seinen grausigen Songs zuballert, vergesse ich meine Prinzipien und tappe stets in die gleiche Falle. Zwar ist mir die Dämlichkeit der Situation bewusst und never ever möchte ich dieses Spielchen mitmachen. Doch was mache ich? Natürlich zücke ich nach wenigen Takten Ed Sheeran mein eigenes Handy und scrolle hastig durch meine Playlist. Voller Scham höre ich mich sagen: »Warte, Alter. Ich habe hier auch einen Song für Dich«. Und wenige Sekunden später gröhlen wir gemeinsam Come on, Barbie! Let’s go party!

Bild: Pixabay


Letzte Bearbeitung war am 05.07.2019

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